#16

Das tatsächliche Gegenteil einer Sache, sprachlich betrachtet, ist oft genauso gut ein Synonym für diese Sache, was mich glauben lässt, dass ich entweder der deutschen Sprache nicht mächtig bin (Wahrscheinlichkeit sehr hoch, Lambda nähert sich Null), oder das Konzept, dass bestimmte Ideen zwei Seiten derselben Münze sind, vielleicht doch häufiger wahr ist, als ich angenommen hatte.

Jetzt müsste ich natürlich festlegen, was ein Gegenteil ist.

Aber dafür bin ich zu faul.

#15

Ich glaube, dass da etwas nicht stimmt. Und wie immer werden mir meine Unzulänglichkeiten bewusst. Gesprächstherapie wäre vielleicht eine Option.

Aber ich kann mich nicht ausziehen.

Ich hasse es. Verwundbar sein.

 

Ich denke, um zu erkennen, was falsch ist, müsste ich wohl meine Einzelteile betrachten. Aber sie kleben aneinander. Kleben ist das perfekte Wort. Kleben ist ekelhaft. Verbunden mit irgendwelchen Flüssigkeiten, und Keimen, und dem emotionalen Ballast der letzten zwanzig Jahre.

Meine Teile kleben aneinander.

Selbst, wenn ich jedes Teil auf atomarer Ebene verstünde, mir fehlt der Kontext. Und es ist furchtbar, sich zu offenbaren. Wenn man Staub wischt, ist die Luft danach noch schwerer. Wenn ich meine Ecken auswische, ersticke ich.

In dem Wissen, dass es Menschen gibt, die schlimmer sind als ich, muss es wohl mein Gefühl von übermäßigem Wert sein, dass diesen Makeln soviel Gewicht gibt, aber was ändert es daran, dass ich-

Dass ich bin?

Ich überlege zur Zeit, alte Mutmaßungen ruhen zu lassen und auf blankem Papier neu zu spekulieren. Mich als „Die Anderen,“ anzusehen, und zu behaupten.

Was, wenn ich, wie jeder andere Mensch, nur nach bedingungsloser „Liebe“ suche? Wobei diese Liebe für die meisten Menschen wohl nur ein Besitz-Drang ist. Besitzen, um sich daran zu messen. Besessen werden, um nicht mehr gemessen zu werden. Aber vielleicht ist es ja so, und ich habe in den letzten zehn Jahren wegrationalisiert, Resultat meiner Biologie zu sein?

Was, wenn ich, wie jeder andere Mensch, nur nach „Pack“ suche; nach Selbstbehauptung – auf unserer zivilisierten Basis von Karriere, Reichtum, Unsterblichkeit?

Was, wenn ich hinter jedem Stein einen allwissenden Schöpfer sehen möchte? Wenn mir sein Auto wichtiger ist als; ja als was denn?

Was, wenn ich mir die letzten knapp zehn Jahre vorgemacht habe, diese Dinge nicht zu wollen? Was, wenn ich zehn Jahre an Entwicklung verpasst habe? Wie würde ich mich in diesem neuen Revier verteidigen? Angepasst an die Umgebung mit einem Holzknüppel? – Was ich im Übrigen gar nicht so unernst meine. Ich wüsste nicht mal, wie man auf ein Date geht.

Aber dann bin ich mit Mitschülern essen und realisiere, dass ich das scheinbar doch nicht möchte. Dass es wohl maximal Synergie ist, die mich mitreißt, so, wie mich Hannibal die Serie denken lässt, dass es vermutlich nicht zwangsläufig moralisch falsch wäre, Mensch zu essen.

Und dann sitze ich hier, und habe das Gefühl, dass ich viel zu schnell „kompartmentalisiere“? Verdränge. Aufteile. Weglege. Und dieses erdrückende Gefühl von Schuld und Ekel ist weg, aber stattdessen bin ich nur.. kurz vorm Burn Out.

Ich halte dieses Bild von mir, außerhalb und in mir, aufrecht, in dem ich mit allem ganz gut fertig werde, und zufrieden bin, obwohl ich an nichts Interesse habe. Obwohl mir die Welt so egal ist. Obwohl ich mir so egal bin, obwohl es nur Kleinigkeiten sind, an denen ich mich festhalte, weil Überleben am Wichtigsten ist.

Aber im Hinterkopf ist dieser Gedanke: Ich bin nicht zukunftsfähig.

#14 can’t stand to be so dead behind the eyes

Ich hab vor längerer Zeit mal einen Satz geschrieben, der mir häufig in den Kopf kommt:

„Aber ich will nicht getrunken werden, ich möchte trinken.“

Was ich damals geschrieben hatte, war eine eher undurchdachte Teemetapher. So quasi, Menschen sind Tee, und wir trinken einander, und manchmal verschütten wir uns, und meistens verlieren wir nur an Farbe und Inhalt, bevor wir irgendwann austrocknen wie vergessenes Fallobst.

Ich möchte immer noch trinken, und ich möchte weiterhin nicht getrunken werden. Es ist nicht mehr viel übrig; nicht, weil sich jeder bedient hätte, sondern weil ich zu langsam nachkoche und Flüssigkeiten weiterhin die Angewohnheit haben, zu verdunsten. Es dauert also ggf. gar nicht mehr so lange bis ich meine Einzelteile als asiatisches Trockenobst bei Aldi anbieten kann. Was die ganze Zeit der Plan war. Unterstützt mich bei Kickstarter. Kannibalismus ist das neue Schwarz.

 – Patricia, in Freilandhaltung aufgewachsen,
BIO Gütesiegel A,
auf Wunsch auch lactosefrei

#13 cannot worship anyone beside you

In der sechsten Klasse, denke ich, hatten wir die Aufgabe, eine Kurzgeschichte zu schreiben. Im Unterricht, dann in der Klassenarbeit. Ich hab dabei völlig versagt. Einmal habe ich nie Hilfestellungen von Frau-Wie-Hieß-Sie-Nochmal? bekommen, andererseits fehlt mir scheinbar irgendeine Ressource.

Wir schreiben derzeit sehr häufig Werkberichte für „Ergotherapeutische Mittel.“ Darin sollen wir unsere Arbeitsschritte schon im Vorfeld nennen, alle Hilfsmittel, Materialien und Werkzeuge zu dem Arbeitsschritt nennen, und die benötigte Zeit einkalkulieren.

Ich denke, es fehlt mir die Kompetenz „abstrakt-planendes Denken.“

Gestern saß ich auf dem Balkon (glaube ich. Wenn nicht: Gestern saß ich auf dem Klo. Wenn nicht: Gestern saß ich auf meinem Bett,) und mir fiel auf, dass ich etwas simpel bin. Nicht auf die gute Art.

Ich habe keine Antwort auf die Frage, was ich möchte. Was mich glücklich macht. Ich lebe genauso in den Tag hinein wie der Rest. Halte mich gerade so über Wasser, und muss realisieren, dass mein Überlebensinstinkt sich wohl an den kleinen Dingen festkrallt, weil er auf nicht mehr konditioniert wurde.

Was möchte ich vom Leben?

Keine große Karriere. Keine Romanze. Ich will mich nicht einmal verewigen, glaube ich.

Ich lebe wirklich nur von einem Moment zum nächsten. Vielleicht fehlt mir für mehr tatsächlich das abstrakt-planende Denken. Oder das Vertrauen. Es ist ja nicht so, als hätte ich nicht das Potential für Ambition. Ich möchte gerne in allem, was ich mache, mindestens 13 Notenpunkte bekommen. – Aber vielleicht nur, weil ich keine „wichtigste Sache,“ habe, neben der alles andere verblasst. Wegen der ich auf den Rest getrost verzichten kann.

Ich sitze wieder an meinem Tisch, irgendwo hinter mir Frau-Wie-Hieß-Sie-Nochmal? und realisiere, dass ich nicht für immer Gilmore Girls plagiarisieren kann.

(Hier sollte ich mir vielleicht auch vor Augen führen, dass „Wer bin ich, was möchte ich, was macht mich glücklich?“ vielleicht Fragen sind, die unnötig sind, und mir eventuell irgendwo aufgezwungen wurden. Wieso sollte ich Pläne und Wünsche und Ziele haben? Wieso kann ich nicht tatsächlich im Moment leben? Und nicht im Moment-Moment, sondern in diesem Moment. Dieser Moment, der erst endet, wenn ich ende, und danach neu bin*. Denn alles Andere ist vergänglich und unberechenbar und Quelle für Trauer und Zorn und Enttäuschung.)

Mein Ziel ist vielleicht, nicht unglücklich zu sein. Ist das ein überlegender Minimalismus? Wenn ich mir mein Schlafzimmer anschaue, bezweifle ich das.

Dieses Ziel auszuschreiben, lässt meine Zehennägel abstehen vor Angst. Es kommt mir vor, als ob es ungesund ist, Wünsche und Ziele zu äußern. Als ob jemand zuhört, und einem Steine in den Weg wirft.

Also, ich ändere das: Ich habe keine Defizite im abstrakt-planenden Denken; es ist stattdessen gehemmt von meinen Existenzängsten, paranoiden Schüben, und dem fehlenden Vertrauen in Sicherheit, sowie einem vollkommen schizophrenen Glauben in höhere Mächte, denen ich im letzten Leben eventuell auf den Schatten getreten bin.

Das Leben ist schon merkwürdig.

* Damit meine ich, dass „ich“ heute anders bin, als „ich“ vor zehn Jahren, aber nirgendwo ein genauer Schnitt gemacht werden kann. In dem Kontext ist ein Moment einmal nie endend, und schon längst vorbei, und dazwischen existiere „ich.“ Und dieses „ich“ hat andere Vorstellungen als andere „ich“s, und gleichzeitig dieselben, oder ähnliche. <- Mir fällt auf, dass das eine Weltansicht ist, die ich in einem separaten Post erklären müsste, damit ich, wenn ich irgendwann mal wieder darüber stolpere, noch verstehe, was ich meinte?? oô

#12 but the fire is coming

Ich habe gerade einen Textpost gesehen, der mich nachdenklich gemacht hat.

Es hieß dort ungefähr, „Schande auf die, die sagen, ich sollte allen ‚meiner Selbst wegen‘ vergeben. Ich hab hart für diese Wut gearbeitet. Ich habe hart dafür gearbeitet, mich selbst genug zu lieben, damit ich sie hassen kann,“ woraufhin eine andere Person ergänzt hat, dass es für viele Leute kein Akt der inneren Heilung ist, den Menschen zu vergeben, die sie verletzt haben, weil sie das bereits ihr Leben lang getan haben. Für diese Menschen ist es vielleicht viel eher Heilung, endlich sagen zu können, dass es sie verletzt hat, dass sie das nicht verdient hatten, und dass sie das nicht mehr vergeben.

Und.. 10 Punkte für Slytherin, denn ich finde, dass das wichtig ist. Ich finde es wichtig, dass man Menschen nicht vergeben muss, um ein gesunder, glücklicher Mensch innerhalb eines stabilen, ausgewogenen Lebens zu sein.

Ich weiß, dass es für mich persönlich richtig ist, dass ich bestimmten Menschen vergeben sollte, weil ich vieles auf einer Ebene verinnerlicht habe, die mich damit gleichsetzt, aber viel eher ist es wohl in meinem Fall so, dass ich mein Schwarz-Weiß-Denken umstrukturieren sollte. Die Handlungen anderer Menschen liegen auf einem Spektrum, und das überkreuzt sich mit anderen Spektren, die die Dinge relativieren.

Wobei- ich relativiere mit Vergebung viel eher mein eigenes~unverzeihliches~ Verhalten, weswegen ich weiterhin denke, dass Vergebung eher Gleichgültigkeit und ein Beiprodukt sein sollte, als dass es der Schlüssel zu irgendeiner anderweitigen Absolution sein darf. Womit ich meine: Ich kann beispielsweise meinem Vater nicht vergeben, weil ich damit sagen würde, dass sein Handeln auf irgendeiner Ebene verständlich oder richtig oder in Ordnung war, was es für mich leicht machen würde, zu rechtfertigen, wieso ich so ein kaltes Stück zu meiner Schwester bin.

Aber das stimmt nicht.

Ich bin ein kaltes Stück zu meiner Schwester, weil ich in ihr all meine Fehler sehe, und das ist hart. Reflektion ist hart. Zu akzeptieren, dass sie meine Ratschläge nicht annehmen wird, dass sie meine Fehler wiederholt -und das in einer so wagemutigen Perfektion, dass mir ganz übel wird, wenn ich daran denke- dass sie auf so vielen Ebenen unangenehme Dinge sagt, weil sie nun einmal in das Alter kommt, in dem man solche Dinge sagt; ich bin zu störrig, und mein Verhalten ist nicht akzeptabel, und irgendwann sollte sie wohl dastehen können, und sagen, dass sie das nicht vergibt.

Aber natürlich bin ich zu egoistisch, um mir wirklich zu wünschen, dass sie mich irgendwann so hasst, wie ich Menschen hasse; und natürlich bin ich nicht wie mein Vater. Ich bin da. Ich bin vielleicht abweisend und ein kaltes Stück, aber ich bin da, und ich mache Essen, oder ich kaufe für sie ein, oder ich bringe sie zur Schule, oder ich helfe ihr, für Geschichte zu lernen, oder ich male ihr zwischendurch ein Bild, oder ich schenke ihr Manga, von denen ich weiß, dass sie sie lieben wird, weil ich sie genug kenne, um zu wissen, was sie mag. Oder ich wünsche ihr Alles Gute zum Geburtstag. Oder.

Aber das ändert nichts. Ich bin ein kaltes Stück zu ihr, und sie sollte irgendwann an den Punkt kommen, an dem sie sagt, dass sie mehr verdient hat, als für meine Kindheits– und Jugendsünden gerade stehen zu müssen.

Bestimmte Dinge muss ich wohl verzeihen. Was schwer ist, weil einer meiner vielen weiteren Namen „Nachtragend“ ist, aber die Dinge, die Menschen gemacht haben, die ich verinnerlicht habe als eigenen Makel und Schandfleck.. diese Dinge muss ich für mich selbst vergeben können. Weil ihre Intention keine schlechte war, oder weil sie einfach nur unbedacht gehandelt haben, oder weil sie vergessen haben -für einen kleinen Moment- dass ich ein Mensch bin und ihr Handeln Konsequenzen hat. Meine wirklich schwer gestörte Sexualität ist ein Resultat einiger Dinge, nehme ich an. Um sie trotzdem als Teil von mir anzunehmen -egal, ob sie Resultat dieser Dinge, oder angeboren ist- muss ich wohl die Situationen verarbeiten und vergeben.

Das wird natürlich niemals passieren, aber es wäre der eigentlich wünschenswerte Prozess. (Alternativ werde ich es einfach nur verdrängen, dankeschön.)

Aber andere Dinge darf ich nicht verzeihen. Ich darf meinem Vater nicht verzeihen. Was er gemacht hat war nicht in Ordnung.

Was ich mache ist nicht in Ordnung.

Und die Menschen haben ein Recht, uns diese Sachen nicht zu verzeihen, oder uns dafür zu hassen, oder uns für einen Teil der Folgen verantwortlich zu machen.

Der Beweis dafür, dass ich gelebt habe, kann nicht die Anzahl der von mir hinterlassenen Narben sein.