#6 Meine Frau ist schön.

Eine meiner Dozentinnen möchte sich gerne über ihre Tätigkeit als Alltagspsychologin profilieren und denkt, es sei gesund, jemandem wie mir Wünsche von Normalität aufzureden.

Ich könnte jetzt eine sehr unnötige Metapher über Dichotomien anbringen, aber die Kurzfassung ist vermutlich sinnvoller.

  1. Um mich zu ertragen, müsste man mich romantisieren.
  2. Es ist für mich unerträglich, wenn man mich romantisiert.

Es wird für mich kein „normal“ geben, und damit muss ich mich selbst weiterhin abfinden. Diese Äußerungen helfen mir einfach nicht, sie machen mich nur traurig.

Gedanken an Normalität sind selbstverletzendes Verhalten.

Meine Dozentin weiß nicht einmal, was Selbstverletzung bedeutet.

Es ist so unfair, dass ich mich für Dinge rechtfertigen muss, die ich selbst gerade so ertragen kann, und mich vor einer gesamten Klasse nackig machen soll, damit die Debatte endlich beendet wird.

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#3 this is how it goes: you go.

Wir machen unsere kleinen Menschen kaputt.

Mein derzeitiges Praktikum ist zum Großteil in der Pädiatrie. Viele Küken.

Wenn man ein Küken ausbrütet und sicherstellt, dass genug Katzen vor ihrem Nest sitzen, sollte man sich nicht wundern, wenn das Küken Angst hat oder aufgegessen wird.

Wenn man dem Küken sagt, dass man selbst auch bloß überlebt hat, und es sich bitte nicht so haben soll, dann ist man ein, wie sagt man auf Kükisch?, lügender Bösewicht.

Ich bin seit Dezember erkältet. Die Erkältung wird ab und an unterbrochen von Phasen mit Noro-Virus, Bronchitis oder Angina, was mich natürlich sehr erheitert, aber manchmal überlege ich, ob das vielleicht die Metapher ist, die ich früher nie finden konnte.

Psychische Störungen (die angeblich politisch korrektere Form; ja, man ist nicht mehr „psychisch krank,“ sondern „psychisch gestört,“ und aus irgendwelchen – sich mir nicht erschließbaren Gründen – ist das wohl besser) werden gerne als Graph dargestellt. Abwärtskurven und kurze Rezidive, Stagnation, was auch immer. Und psychisch gesehen stecke ich seit 8 Jahren in einer Erkältung, die mit einer Pneumonie begann, und nie richtig ausheilen wollte.

Meine Schwester ist auch erkältet.

Ich bin beeindruckt von dieser neuen Generation. Kleine Kämpfer, die sich nicht sagen lassen, dass Smartphones scheiße sind, weil sie es besser wissen als wir. (Und sie wissen es besser als wir; das war kein Sarkasmus.)

Ab und an bin ich in einer kleinen Spirale gefangen und überlege, ob es gut sein kann, wenn man doch- aber ich vergesse immer wieder, dass man gar nicht. Man kann gar nicht. Ändern, bewirken, verbessern.

Bevor sich jemand empören möchte; natürlich kann man ändern, bewirken, verbessern. Aber wir bleiben auf unserer Abwärtskurve mit Rezidiven und Stagnation, und maximal schaffen wir es, keine Pneumonie mehr zu haben. Es muss sich viel ändern, und das wird es vielleicht sogar, aber bestimmt nicht, weil die titulierte iGeneration ihre Smartphones beiseite legt, sondern weil sie – viel besser als wir – weiß, wie man entschleunigt, und sich diesem Drang entzieht.

Sie wissen, dass da Katzen sind.

Kein immer besser, schneller, höher, größer, dekadenter.

Manchmal befürchte ich, dass ich mich aufgebe, und es ist gemein von mir, meine Hoffnung in die Neuen zu setzen – wenn ich sehe, wie sie Herz über Kopf in Reizüberflutung springen, sich völlig erschöpft an Land ziehen, weil sie einerseits davor fliehen, andererseits nach Vorne gedrängt werden. Wir lassen ihnen doch gar nicht die Möglichkeit. Wir setzen sie in eine Welt, die wir so konstruiert haben, dass ihnen nichts übrig bleibt, als zu versagen.

Und sie sagen „Scheiß drauf,“ weil sie uns sehen, und realisieren, was es bewirkt, so zutun, als ob man als Küken keine Angst vor Katzen (endloser Arbeitslosigkeit oder Burn-Out, unglücklichen Beziehungen, toxischen Wertvorstellungen, runtergespielten Völkermorden, der Freiheit zwischen bereits gewählten Optionen zu entscheiden, institutionalisierter Diskriminierung, uns) haben muss.

Es muss schon etwas sehr Krankes passieren, um aus einem Küken eine Katze zu machen.

Wie merkwürdig, dass sie das (wenn auch nur unterbewusst) wissen und nicht nachmachen.

Egal wie sehr sie mich mit ihren scheiß „Alles bäm oder was“ nerven, diese „kleinen“ Menschen wissen es viel besser als wir. Und wir wussten es vielleicht auch einmal besser. Und es ist wirklich nötig, hinzuhören, weil wir nicht mehr viel Zeit haben, um dazu beizutragen, dass sie ihre Erkältung nicht so verschleppen wie wir sie verschleppt haben.

#2 „I can only apologize in advance for the things I’ll do to you.“

Derzeit geht hier alles, vor allem Wichtiges, kaputt. Biete also hiermit für Aldi-Gutscheine meine Dienste als sehr gute Umarmerin an. Ich bin eine wirklich exzellente Umarmerin. Wenn ich könnte, würde ich mich klonen, um in den Genuss meiner Umarmungen kommen zu können.

Eine weniger negative Nachricht: Ich habe gerade ein romcom-Buch gelesen, das „The Hating Game“ heißt, und bezaubernd ist. Und damit meine ich einmal die Tatsache, dass Hassliebe sonst meistens eklig ist, weil irgendeine Figur immer furchtbar ist und erst einmal durch Liebe geheilt werden muss oder was auch immer, aber hier eben das genaue Gegenteil stattfindet – wundervoll, und so weiter. Aber vor allem meine ich den (ich glaube sogar durchweg genießbaren, weil nicht Hollywood TM) Humor.

„Dad calls you other names starting with J, but never your real name.“

„What?“ He looks alarmed. „You’ve told your dad about me?“

„He’s mad at you for being so mean. […] One time, he called you Jebediah and I nearly peed myself.“

Abgeheftet unter #wholesome.

Ich finde, ich mache diese „sich selbst Dinge zugestehen,“ und „zugeben, dass man nur ein Mensch ist und mainstream media genießt“-Sachen ganz gut.

#1 like i know you should

Mir hatte vor ein paar Wochen jemand geschrieben, und ich war ein wenig niedergeschlagen. Die Zusammenfassung ist, dass ein Angehöriger meinen Blog als Rechtfertigung gesehen hat, einen Betroffenen unter Druck zu setzen.

Und irgendwie sehe ich das auf vielen Ebenen als völlig schizophren an. Einerseits, ist hier nicht deutlich geworden, dass der Mensch nur heilt, wenn ihm die Zeit gegeben wird? Andererseits, seit wann bin ich eine Erfolgsgeschichte?

Ich schaffe es nicht, simultan zur Schule zu gehen und eigenständig meine Wäsche zu machen, sagt das denn nicht genug?

Kurze Randnotiz: Mein Gehirn hat die Eigenheit – und vielleicht geht es vielen so, und wir sprechen darüber nur nie? – neues Wissen so zu verknüpfen, dass ich nicht mehr weiß, wann ich es mir angeeignet habe, und davon ausgehe, dass es selbstverständlich ist, und alle das wissen, und so weiter.

In der Therapie legen wir Ziele mit unseren Klienten fest. (Ich benutze hier einmal sehr gewählt „Klient,“ um zu unterstreichen, dass Therapeuten in erster Linie für jemanden und nicht an jemandem arbeiten. Menschen sind kein Rattatouille.)

Und vielleicht ist das ja etwas, das Angehörigen und Betroffenen helfen könnte, weil es Abschnitte strukturiert.

Gedanklich beginnt man beim großen Rehabilitationsziel. Das ist das Ziel, das ganz am Ende der Behandlungen steht, z.B. der Erhalt oder das Erlangen der Arbeitsfähigkeit. Daraufhin wird ein Richtziel formuliert, das präzisiert, wieso genau in diesem Beispiel die Arbeitsfähigkeit bedroht ist, z.B. die Förderung des Sozialverhaltens.

Sobald das Richtziel (oder mehrere Richtziele) formuliert wurden, folgen Grobziele. Diese Grobziele können bereits terminiert werden, z.B. wird das erste Grobziel innerhalb von 3 Monaten, 5 Therapieeinheiten oder 2 Wochen erreicht. Es könnte zum Beispiel die Förderung des Kommunikationsverhaltens sein.

Aus den Grobzielen ergeben sich dann exakte Feinziele, die sich auf den Alltag des Klienten beziehen, z.B. A. schafft es beim Einkaufen eine Verkäuferin zu fragen, wo die Eier zu stehen, anstatt den Laden ohne ihren Einkauf zu verlassen.

Die Ziele entstehen also vom größten zum kleinsten Ziel, werden dann aber vom kleinsten zum größten Ziel erreicht.

Die Grobziele ergeben sich natürlich aus genauen, zuvor festgelegten Defiziten und Ressourcen. Grobziele, die auf meinen Defiziten aufbauen, wären zum Beispiel im psychischen und kognitiven Bereich Aufbau mentaler (und körperlicher) Ausdauer und Aufmerksamkeit, Aufbau von Coping Mechanismen (Stress-Bewältigungs-Verhalten, Förderung des Kommunikations- und Kontaktverhalten oder Aufbau gesunden Ehrgeizes bzw. Abbau übersteigerten Selbstwerts. (im Sinne meiner Übermotivation aufgrund meiner erhöhten Erwartungen an mich selbst) Im motorischen Bereich sind wir dann eher bei Sensibilisierung der distalen Extremitäten, Stabilisierung der Gelenke durch Muskelaufbau, und so weiter.

Also, wenn dein Kind es gerade nicht schafft, daran zu denken, dass es essen sollte, wenn es Hunger hat, mach es bitte nicht mit großen Reden vom BWL-Studium kaputt. Wir sind hier gerade beim Rehaziel „Erhalt der eigenständigen Lebensfähigkeit“ und nicht bei scheiß Algorithmen und Logistik.

Die Welt ist viel zu schrecklich, um zu studieren, wenn wir gerade entschleunigen. Und wir haben ein Recht darauf, kaputt zu gehen, und nach unseren Regeln, in unserem Zeitfenster zusammengeklebt zu werden.

 

#27

Keine drei Monate, aber fast zehn Verstorbene.

Was ich gelernt habe, lässt sich nicht quantifizieren. Es sind die Momente zwischen Krankheitsbildern, in denen man Hände hält und nickt. Die Momente, in denen man hört, sieht, fühlt, dass es bald vorbei ist. Dass es leider noch nicht vorbei ist.

Was lebt, heilt. Was nicht heilt, hält aus.

Wir halten aus.

Ich habe Demut gelernt, denn. Wir halten aus. Wir ertragen.

Wir ändern, was wir hassen. Wir akzeptieren, was wir nicht ändern können.

Es gibt tausend Plattitüden, und manchmal finden wir genau die Richtige.

Dreißig Prozent meiner Note bestehen aus Selbstreflexion. Selbstreflexion sagt mir, dass ich rohe Gewalt versteckt hinter Manipulation bin. Dass das gut sein kann. Dass ich mit Ärzten streite ohne zu streiten, damit meine Klienten die Hilfsmittel bekommen, die sie brauchen, egal wie viel Budget am Ende des Jahres noch zur Verfügung steht.

Dass auch die Drachen auf Station auf einmal meine Patienten sanfter behandeln, weil ich sie validiere. Weil ich hinter all meinen Aussagen „Ich sehe dich und deine Bemühungen,“ verstecke, und sie nicht einmal wissen, dass sie mich nicht enttäuschen wollen.

Ich umarme den schmierigen Hausmeister, damit er meinem Patienten einen Kalender im Zimmer anbringt, und lache über die schlechten Witze der Bäckerin, damit sie mir die Geheimnisse der Mitarbeiter verrät.

Keine drei Monate, und Herr P. kann endlich eine halbe Stunde laufen, ohne zu fallen. Keine drei Monate, und Herr W. ist trotzdem bettlägerig, pflegebedürftig, und isoliert.

Ich habe Ohnmacht akzeptiert; Ich kann dich nicht heilen. Ich kann deinen Schmerz nicht nehmen. Ich kann nur hier sitzen, und so tun, als ob es besser werden könnte, wenn das Gesundheitssystem dir keine Reha gibt.

Was ich gelernt habe, ist, dass Menschen für immer gleich sind. Und das ist entweder tröstlich oder eine Tragödie: Egal, wie dementiell der Mensch ist; wenn du auf ihn zugehst, ihm die Hand gibst und dich vorstellst, wird er sie nehmen und lächeln.

Ich habe mehr als nur Demut oder Ohnmacht oder Gewalt gelernt, aber es lässt sich nicht quantifizieren. Dieses Gefühl in mir, dass wir für immer dieselben Sorgen, Ängste, Wünsche und Hoffnungen haben; dass wir für immer heilen oder ertragen.

Und ich möchte schreien, weil es sich in diesen Momenten so einfach anfühlt. Als ob es nur eine Entscheidung einiger weniger Leute entfernt ist, glücklich zu sein, glücklich zu machen; und ich fühle mich so naiv und klein, wenn ich nicht verstehe, warum Menschen hungern und kämpfen und sterben müssen, während mir ein schwer-schizophrener Bewohner in die Augen schaut und mir wunderschöne Weihnachten wünscht.

Weil er diesen Schmerz kennt und ihn lindern möchte.

Und in mir ist rohe Gewalt, versteckt hinter Manipulation, die schreit, dass ich etwas tun, lernen, können, wissen muss, damit ich ihm helfen kann, zu ertragen.

Etwas, das sich nicht quantifizieren lässt: Wenn wir von uns wegsehen, sehen wir uns deutlicher. Die Schatten, die wir auf unser Umfeld werfen, unter denen -wenn auch nur für einige Minuten- wieder atmen können. Manchmal nimmt das dem Schmerz seine Qualität. Manchmal gibt es der rohen Gewalt in uns einen besseren Fokus.

Ich hoffe, diese Weihnacht müsst ihr nicht ertragen.

Ich hoffe, ihr seht, bis wohin ihr einen Schatten werfen könnt.