#36 no referee, just an audience

Ursprünglich hatte ich vor, etwas Anderes zu schreiben, aber mittendrin habe ich dann den Krümel gefunden, der mich eigentlich vom Schlafen abhält.

Solange genug Menschen anwesend sind wird innerhalb spezifischer Diskussionen immer jemand kommen und etwas sagen, das sich auf „Sprich nicht darüber und es würde all deine Probleme lösen,“ zusammenfassen lässt.

Ein Beispiel wäre Homophobie. „Aber wieso sprichst du denn darüber, dass du schwul bist? Du machst dich ja nahezu zur Zielscheibe.“ Rassismus gegen Mischlinge und white-passers. „Wenn du es nicht erwähnen würdest, würden sicher ganz viele Leute gar nicht mitbekommen, dass du nicht (zu 100 Prozent) weiß bist.“

Ich möchte hier etwas einschieben, das ich vor einiger Zeit gelesen habe:

„Homophob, albeistisch, misogyinistisch etc. zu sein, bedeutet nicht einfach nur, Hass gegenüber marginalisierten Gruppen zu empfinden. Hass ist ein Symptom, und nicht jeder hat dieses Symptom. Manchmal ist es Mitleid. Oder gruselige entmenschlichende Faszination. Oder Gleichgültigkeit. Oder Ignoranz und eine selbst-bezogene Ablehnung, zu lernen, besser zu sein.

Aber es geht absolut nicht um deine Gefühle – es geht um dein Handeln, und darum, ob dieses Handeln ein unterdrückendes System unterstützt.

Und das ist der Grund, warum du nicht sagen kannst, „Ich bin kein Misogynist! Ich liebe Frauen“ und darauf warten, dass die Leute sagen werden, „Na, du kennst deine Gefühle am Besten!“ Es geht nicht um deine Gefühle. Es geht darum was du tust und ob es schädlich ist. Und du bekommst nicht zu sagen, ob du anderen schadest.“

Weiter im Text.

Kommentare wie die, die ich oben erwähnt habe, sind vorerst gar nicht böse gemeint. Tatsächlich kommen sie meistens von den Leuten, die uns lieben und besorgt sind. Aber sie zeigen trotzdem, wie sehr bestimmte Sichtweisen internalisiert werden, und mir kann jeder sagen, dass er nicht z.B. rassistisch ist, wenn das Handeln dazu nicht passt, dann ist dem eben leider nicht so. (Zumal es wirklich sehr primitiv ist, zu glauben, dass es nicht möglich ist, ein Individuum einer Gruppe, die man hasst, zu lieben.)

Rassismus bedeutet schon sehr lange nicht mehr nur, dass man jemanden nicht mag, weil er gelb ist. Homophobie bedeutet schon lange so viel mehr als gegen gleichgeschlechtliche Ehe zu sein.

Wenn ich höre, dass meine Probleme gelöst wären, wenn ich gar nicht erst sagen würde, dass ich X bin, dann heißt das übersetzt wirklich nur „Halt den Mund.“

Man gibt dem „Opfer“ die Schuld an allem, was ihm passiert. Hättest du nicht gesagt, dass du X bist, dann. – Soll ich also für immer einen Teil meiner Identität geheim halten, damit ich nicht angefeindet werde? Ich darf mich nicht darüber aufregen, dass ich rassistisch behandelt werde, weil ich nicht so behandelt werden würde, wenn ich nicht „zugeben“ würde, Asiatin zu sein? Top.

Was ich im Übrigen umzingelt von AFDlern sicher tun würde, aber was für eine scheinheilige Scheiße ist das denn? Es ist kein Problem, dass ich Asiatin bin. Aber da ich ja auch ab und an als weiß durchgehe, ist es meine eigene Schuld, wenn ich eine aufs Maul bekomme, da ich ja einfach meinen Mund hätte halten können?

Wenn ich jede Eigenschaft, die nicht offensichtlich ist und Nachteile mit sich bringt, für mich behalten soll, dann bleibt mir nicht mehr viel übrig. Ich bin neuroatypisch, aber wehe, das erwähne ich.

Dass man sagt, wer oder was man ist, ist nicht das Problem. Es ist ein Problem unserer Gesellschaft, dass man deswegen schlecht behandelt wird. Anstatt mir zu sagen, dass ich selbst daran Schuld bin, halt du doch deinen Mund. – Es ist mir vollkommen egal, wie nett du es gemeint hast.

Das sind keine gut gemeinten Ratschläge. Ich hab schon von alleine mitbekommen, dass ich schlecht behandelt werde, wenn ich davon spreche, wer ich bin. Aber mach ruhig weiter und nimm mir Teile meiner Identität. Du meinst es ja nur gut, und deswegen kann es kein Problem sein.

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Veröffentlicht von

Patricia

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3 Gedanken zu „#36 no referee, just an audience“

  1. Wirklich sehr tiefsinnige Gedanken in vielen Beiträgen.

    Zu Deiner Herkunft: Ich habe 5 Jahre lang mit einer Asiatin gelebt. Wir wurden nicht offen angefeindet – aber von vielen geschnitten.
    Ich habe eins daraus gelernt: Ich hatte die falschen Freunde.

    Sei stolz auf Deine Haut und Deine Augen – denn es gibt auch viele, die das mögen.

    Diskriminierung habe ich 1990 kennen gelernt – weil ich ein Ossi bin. Ein weißer Neger.

    Dein Selbstfindungsprozeß wird noch lange dauern. Ich habe ich ähnliches durch und habe darüber Gedichte geschrieben. Einige kannst Du hier https://ossiblock.wordpress.com/category/6-ddr-lyrik-der-80er/ nachlesen und darüber lachen.

    Du schaffst das schon – Dein Anderssein betrifft Deine Persönlichkeit; nicht Dein Aussehen.

    LG

    1. Dankeschön.

      Wieso sollte ich stolz darauf sein, „denn es gibt auch viele, die das mögen,“? Es sollte irrelevant sein. Eine asiatische Freundin meinte einmal zu mir, dass sie angemacht wurde mit den Worten, „meine letzten zwei Ex waren Chinesinnen.“ (Sie lebt in den USA) Das ist nicht unbedingt etwas ~Gutes~ wenn man darüber nachdenkt, wieviel Leute mit komischen Fetischen auf der Straße rumlaufen. — Wenn man sich die Worte ansieht, durch die manch einer auf meinen Blog stolpert, dann wird einem sogar häufig mal schlecht. :/ Ob man mich nun nicht mag, weil ich asiatisch bin, oder genau deswegen mag.. es ist ein Fokus, der mir sehr unsympathisch ist.

      Auch, wenn ich mich damit jetzt unsympathisch mache, und im Hintergrund irgendein Arsch „Sowas übermäßig politisch korrektes!“ schreit: Ich lebe im Osten, bin aber nach der Wende geboren wurden. Ich würde aber beinahe sagen, dass Ossis dennoch keine Jahrhunderte lange Geschichte der Sklaverei und Apartheid haben, oder weiterhin aufgrund ihrer Herkunft von der Polizei erschossen werden, oder im Gefängnis von den dort arbeitenden Beamten ermordet. Das N-Wort gehört uns nicht-Schwarzen nicht.

      Hab mir deinen Link mal ans Tablet geschickt, damit ich im neuen Jahr was zu lesen habe. :)

      Guten Rutsch und LG

      1. Linh (Nichte meiner Freundin)sagte mal zu mir: Onkel, worauf bist du stolz?
        Auf mich.
        Linh überlegte kurz und sagte dann: Das solltest du auch.

        Dir auch ein frohes Neues Jahr.

        LG

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