#10 a language that I never knew existed before

Seit einiger Zeit habe ich zwei oder drei Texte im Kopf, die ich schreiben möchte. Ich schaffe es trotzdem nicht, oder breche immer irgendwo ab, weil ich merke, dass da etwas -wie ein Puzzleteil, das die fünfzehn Einzelteile verbindet- fehlt. Das Ganze macht mich etwas verrückt. (Übrigens, seit wann sieht auch der Quick Editor wieder anders aus? WordPress, get your shit together.) Aber da ich es weiterhin nicht schaffe..

Vor ein paar Tagen habe ich Dinge -im Sinne von, man kann sie kaufen- gefunden, die ich gerne hätte. Irgendwie ist es seltsam, dass man als Mensch so viele scheinbar gegensprüchliche Züge haben kann. Dass ich einerseits wirklich nicht viel Wert darauf lege, was Menschen von mir denken könnten, es mich aber stört, wenn es Vorurteile sind. (Und ich nehme an, das hat damit zutun, dass man oft keine oder weniger Probleme damit hat, dass jemand einen für das, was man tatsächlich ist, nicht mag.)

Und genau so sprechen mich eben diese Dinge an. Es ist so leicht, zu sehen, dass ich mir innisfree Foundation gekauft, und Liptint von Etude House bestellt habe, und zu sagen, dass ich den Schönheitsidealen der Gesellschaft verfallen wäre, und der gesamten Situation unkritisch gegenüber stehe. Dass ich A Midsummer Night’s Dreamauf meiner Wunschliste habe, suggeriert vermutlich etwas ähnlich Unwahres. Mein beständiger Wunsch, die Audiokommentare der LOTR DVDs sehen zu können (da fällt mir ein, Herr Manuel, kann ich die nicht von dir erschnorren so für zwei Wochen?? *puppy eyes*) ist eindeutig ein weiteres Zeichen für meinen gedankenlosen Konsumwahn.

Materialistische Wünsche sind für mich prinzipiell ein.. Problem. Manchmal bekomme ich das Gefühl, dass ich es mir früher sehr leicht gemacht habe, und mich seitdem aus Faulheit geweigert, weiter darüber nachzudenken: Es wäre eine einfache Lösung, zu sagen, dass ich kein Geld haben wollen würde, wenn es kein Geld gäbe. Aber es ist nicht Geld, oder ein zwanzig Euro Hardcover, oder die Bestätigungsemail eines Verlags, die das Problem sind.

Im Nachhinein betrachtet, nehme ich an, dass es für die Zehntklässler (und aufwärts) die wir mal waren, förderlich gewesen wäre, bestimmte Konzepte im Ethik- oder Philosophieunterricht zu diskutieren. Gleichzeitig bin ich fast schon davon überzeugt, dass sie mich noch schneller in eine Depression katapultiert hätten.

Unabhängig von Nihilismus und Menschen, deren Namen ich nicht aussprechen kann, kreuzt sicher ein Großteil der Bevölkerung, wenn er danach gefragt wird, am, dass unsere Angst vorm Tod uns dazu veranlasst, bestimmte Dinge zutun oder zu glauben.

Im Fall des Glaubens muss ich davor anmerken, dass es nicht darum geht, ob die verschiedenen Glaubensrichtungen nicht im Recht liegen. Denn unabhängig von der Richtigkeit der verschiedenen Schöpfungsmythen usw. liegt die Wahl, daran zu glauben, bei uns. Aber erstmal: Zwei Dinge in unseren Leben stehen fest, und an beiden können wir nichts ändern: Wir leben, wir sterben. Alles dazwischen, davor und danach ist Interpretationsfrage.

Die Griechen und Römer haben polytheistische Welten erschaffen, die alles ästhetischer werden lassen haben. Es gab eine Unterwelt, es gab Kriegs- und Liebesgötter. Es gab Titanen, und Furien und so viele Geschichten, dass ich mein ganzes Leben damit verbringen kann, sie zu lesen und trotzdem nicht fertig werden würde. Die Christen haben ein Leben nach dem Tod gewählt. Einen monotheistischen Gott. Ein paar unlogische Freier Wille vs Der Wille Gottes Geschichten. Die Buddhisten versuchen, sich von Dingen loszusprechen. Der Kapitalismus ist, wenn ich ganz ehrlich bin, profitgeile Beschäftigungstherapie.

In jedem Fall haben diese Glaubensrichtungen und Ideologien das Potential, uns davon abzulenken, dass wir sterben, oder uns vom Schmerz abzulenken, der verursacht wird, wenn wir uns dessen bewusst werden. (Oder, im Fall bestimmter Religionen und Ideologien, den Schmerz zuzulassen, und uns durchzukämpfen, oder unsere Sterblichkeit als etwas wertungsfreies anzusehen.)

Für mich ist es schmerzlich, darüber nachzudenken, dass ich sterben werde. Vor allem, ohne einen Grund zu finden. Und es wird mir vermutlich nie gelingen, einen Grund zu (er)finden, der mich zufriedenstellt. In der Annahme, dass es einen Gott oder eine Macht gibt, der/die allwissend und allmächtig ist, wäre es vermutlich anmaßend, davon auszugehen, dass ich das könnte: Ich kann mir nicht einmal vorstellen, wie genau Allwissenheit aussieht. Wie es ist, jeden Moment und jeden Gedanken, jede Möglichkeit, zu kennen. Ich erinnere mich nicht einmal daran, was ich vor ein paar Stunden gedacht habe.

Wie viel einfacher wäre es möglicherweise, zu sterben, wenn man wüsste, dass es einen Sinn hinter all den Jahren gibt, die man gelebt hat, oder dahinter, dass man nun sterben muss. Einen Grund, der sich nicht darüber definiert, dass man sowieso existiert. Ein Grund, der unabhängig ist. Aber soweit ich das einschätzen kann, existiert keine Unabhängigkeit. Ich lebe, weil meine Eltern Sex hatten, und sich nicht gegen mich entschieden haben. Ich bin, wie ich bin, weil Dinge passiert sind, und ich Sachen gemacht habe. Vielleicht gibt es noch andere Gründe. Vielleicht bin ich genau so wie ich bin und in diesem Moment genau da, wo ich bin, weil das jemandem helfen könnte. Vielleicht existiert freier Wille nicht. Vielleicht existiert Schicksal nicht. Vielleicht kann ich mit meinem kleinen, menschlichen Gehirn nicht verstehen, wie beides gleichzeitig existieren kann, obwohl dem so ist. Und mit Sicherheit kann kein unabhängiger Grund existieren, außer der, den wir bereits haben: Einfach, weil es so ist. Jeder andere Grund ist abhängig, und genauso unzufriedenstellend, wie dieser kleine Satz.

Einerseits möchte ich also nicht mein Leben damit verbringen, Menschen mein Geld zu geben, damit ich mich für ein paar Stunden davon ablenken kann, dass ich wirklich gar nichts weiß, andererseits erscheint mir diese Situation auswegslos. Wenn wir sowieso in dieser Wohnung leben, warum sollten wir dann nicht die Kissen kaufen, auf denen wir bequemer sitzen? Etwas aus Trotz zu machen, gibt unserem Gegenüber genauso viel Kraft, wie es für ihn zutun.

Und somit möchte ich Dinge, die eigentlich nur noch mehr verdeutlichen, wieso viele von uns Angst vorm eigenen Tod haben. Wie ging es dem Mädchen, dass wusste, dass es sterben würde, bevor der letzte Harry Potter Teil veröffentlicht werden würde? Wie geht es Eltern, die wissen, dass sie nicht an der Seite ihrer Kinder sein können, wenn sie beerdigt werden, um sie zu trösten? Wie soll man mit seiner Sterblichkeit umgehen?

Wäre die Erkenntnis, dass man Dinge aus Gründen macht, Grund genug, sie nicht mehr zu machen?

Ich bewundere die Buddhisten. Ich schaffe es nicht einmal, die Zigaretten wegzupacken. Die Bücher wegzulegen. Den Computer auszuschalten. Und sicherlich wäre es einfacher, Computer gar nicht erst anzuschalten in einer Welt, in der Computer nicht existieren, aber das Problem sind nicht zwangsläufig die Computer. Oder die Zigaretten, oder die Bücher, und Serien, und die Musik, oder das Geld.

Zu Weihnachten habe ich einen Friseurgutschein bekommen. War bis heute nicht da, weil ich Angst vor Veränderung habe. Weil ich an meinem Selbstbild festklebe. (Und weil ich Mami noch Dinge fragen wollte, weil man ja nicht den falschen Pony haben möchte..)

Wenn man so sehr daran fest hält, wer man ist, oder was einen interessiert, was man mag und nicht mag.. dann wird es wohl immer schwer fallen, loszulassen. Und dann braucht man vielleicht die Beschäftigungstherapie und das Leben nach dem Tod und den Sinn hinter der eigenen Existenz. Das bedeutet nicht, dass all diese Dinge nicht existieren, aber wieso genau wäre ich so viel glücklicher, wenn ich die dummen Sprüche des LOTR Casts hören könnte?

Üblicherweise bewege ich mich da in der goldenen Mitte. Ich kann meine Bücher genießen und trotzdem darüber nachdenken, dass bestimmte Dinge passieren, die mir eventuell nicht gefallen. Ich kann reflektieren, und bestimmte Dinge lassen, wenn ich merke, dass sie prinzipiell ungesund sind.

Aber im Hinterkopf schwirren mir trotzdem Fragen, die ich nicht absolut beantworten kann. Weil es keine absolute, unabhängige Antwort gibt. Weil Antworten nicht unabhängig sein können, und wenn nur, weil sie sich auf Fragen beziehen. Es gibt wenig Situationen, in denen ich einfach sagen kann, „Weil X“ und dann zufrieden Pudding essen.

Es macht mich verrückt. Ich brauche keinen hedonistischen Lebensstil, um mich glücklich zu machen, weil Hedonismus viel zu extrem ist, um mich jemals glücklich machen zu können. Abhängig davon zu sein, dass ich mir de facto unnötige Dinge finanzieren kann, wird mich nicht zwangsläufig glücklicher machen, und es liegt viel weniger in meiner Kraft, als mich damit auseinanderzusetzen, wieso ich sie möchte. Nur, dass diese Gründe nicht zwangsläufig irgendwas ändern.

Aber was hilft es mir, da zu stehen, und zu sagen, dass ich diese Milkaschokolade haben möchte, weil ich ab und zu Angst davor habe, zu sterben? (Zumal ich diesen Text auf der Annahme, dass ich tatsächlich und/oder immer Angst davor habe, verfasst habe, und das ist eine Voraussetzung, die ich in der Realität nicht erfüllen kann. Ich erinnere mich vage an ein Nahtoderlebnis, in dem ich absolut keine Angst davor hatte, zu sterben. Da sind wir aber wieder bei Computern: In einer Gesellschaft, in der jeder einen Computer besitzt, hat man nachmittags auch dann gegebenenfalls wenig zutun, wenn man seinen eigenen PC ausschaltet. Der Rest der Welt zockt nämlich trotzdem World of Warcraft.)

TLDR; Ich versuche unerfolgreich Gründe für Konsumdrang zu finden. In dieser Episode: Todesangst und Ideologien. Bisher bin ich aber nicht davon überzeugt, dass ich tatsächlich gedankenlos konsumiere, was vielleicht die unzufriedenstellenden Ergebnisse erklärt.

(Übrigens, und das hat wenig mit dem Inhalt dieses Posts zutun, wusste ich bis heute Morgen nicht, wie man Reifen wechselt. Shame on my cow.)

/drückt auf Veröffentlichen und bereut es sicher in fünf Sekunden

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4 Kommentare zu „#10 a language that I never knew existed before

  1. Spätestens als ich meine Singlebutze bezog war Schluß mit Lustig: Bereits die Vorstellung, im Hochhaus alleine vor der Glotze zu hocken, widerte mich so sehr an, dass ich mir einen Fernseher gar nicht erst anschaffte. Im Hochhaus herrschte eine Privatsphäre, die zum Verrecken war. Vor allem, weil ich im Treppenhaus vielen Menschen begegnete, die „für sich“ in ihren Butzen tatsächlich vor dem Fernseher verenden würden. Ich aber wollte dahin, wo die Lichter waren und die roten Teppiche, und wo man mich auch in zweitausend Jahren noch schreien hören konnte: „chSchlesinger wollte sich töten??“
    Natürlich habe ich Romane konsumiert. Aber bloß um zu lernen, wie sie „funktionieren“, um dann selbst mit einem Bestseller ins Licht zu gelangen: „Alle Lust will Ewigkeit.“ Ich kann nicht leben in Einsamkeit und Unsinn! Und ich bin fest davon überzeugt, dass man etwa das Leben eines Friedrich Nietzsche niemals wieder rausbekommt aus dem Gedächtnis der Menschheit. DER lebt ewig! Warum ich verdammt nochmal nicht auch?
    Gerade höre ich in der Endlosschleife „My Way“ von Elvis. Und zwar aus einem seiner letzten Konzerte, wo man deutlich sah, dass es nicht mehr lange dauern würde mit ihm. All das werde ich ertragen können, wenn gleichzeitig mein Lebenswerk über mich hinaus wächst, und mein Fleisch sich dann hoffentlich im Altenheim in Frieden vor dem Fernseher wird verpuppen können: viel Schlafen, viel Träumen, Alkohol und Tabletten zur Unterstützung. Statt dem „Herrn der Ringe“, wo irgendwann jedem von uns höchstens noch der Gandalf passt, werde ich dann allerdings den zeitlosen Raymond „Red“ Reddington aus „The Blacklist“ konsumieren. Solch ein distanzierter Beobachter, der überall im Land seine „Tracker“ beschäftigt, ist spätestens seit Thomas Mann mein absolutes Rollenvorbild.

    1. Ich bin eine der Personen, denen es schwer fiel, im Deutschunterricht Texte von Kafka zu lesen, die er verbrannt haben wollte. Offensichtlich ist unser Verständnis von Eigenbestimmung und Privatsphäre grundsätzlich unvereinbar. Genauso wie, und das haben wir ja schon einmal besprochen, unser Verständnis von Unsterblichkeit.

      Natürlich vergisst man einen Nietzsche nicht. Aber er ist trotzdem tot, und scheinbar stimmte er mir irgendwann mal ein wenig zu; so frei interpretiere ich jetzt zumindest „Wir haben die Kunst, damit wir nicht an der Wahrheit zugrunde gehn.“ Du willst nicht Unsterblichkeit sondern Unvergesslichkeit und Ruhm und was auch immer. Dinge, die nur peripher hiermit etwas zutun haben.

      1. Vielleicht fällt Dir Kafka mit den Jahren leichter, wie er als Ungeziefer noch hysterisch war nicht rechtzeitig an seinem Arbeitsplatz erscheinen zu können. Aber in unserer Wohlstandsgesellschaft pfeifen wir ja selbst auf den barmherzigen Samariter: „Eher beantragte ich Hilfe zum Lebensunterhalt, als mir von DIR helfen zu lassen!“ Was die Privatsphäre betrifft so waren die Singlebutzen in meinem Hochhaus auch ein Art Durchlauferhitzer für junge Frauen zwischen zwei Beziehungen. Und alle schienen irrsinnig erleichtert, wenn sie rasch wieder an der Hand eines Mannes laufen durften. Diese Form der Aufgabe der Privatsphäre habe ich nie verstanden: Da wäre vielleicht ein Prinz bereit gewesen zu einer Beziehung, hätte Frau nicht vorher schon fünf Typen rangelassen, die dann natürlich munter in der Boulevardpresse „auspacken“. Das erscheint mir alles so entsetzlich widersinnig: Da brechen Familienväter sämtliche Brücken hinter sich ab für irgendeine Geliebte, statt mit dem Konsum von Pornos den Deckel drauf zu halten. Wenn es aber um das Vollbringen von Heldentaten geht, verkrümelt alle Welt sich hinter den Fernseher: „Tales of the Bizarro World“, wird das in den Comics von DC genannt. Solche Welt kann ich wie Nietzsche tatsächlich nur durch die Kunst ertragen bzw. durch die Wissenschaft: Als ich 1984 mit zitternden Händen meinen ersten Schachcomputer auspackte, und mir dieses Blechdings auf meine Eröffnung Bauer e2 nach e4 piepsend und blinkend bedeutete, dass ich seinen Bauern von e7 nach e5 setzen sollte, hatte das Leben für mich plötzlich solch einen Sinn, dass ich eben diese entsetzlich bizarre Welt umarmen wollte… Eigentlich reduziert sich mein letzter Kommentar auf die Frage: Wie können Menschen in einem finsteren Wald voller Seuchen und Fleischfresser seelenruhig den Fernseher einschalten? Tatsächlich meintest Du wohl in Deinem Blogeintrag eher die animalische Angst vor dem Tod: „Was lebt will leben!“ Mein Zwergkaninchen wusste sicher wenig Gründe für sein Leben, trotzdem war es ängstlicher um sein Leben als jeder Mensch. Ein gedankenloser Konsument übrigens auch. Deshalb nagte es mitunter auch Stromkabel an… Vielleicht ist so ein Lippenstift daher bloß eine Waffe, mit der Frau die Nahrungskette ein Stückchen höher klettern kann?

        1. Ich bitte dich darum, in Zukunft nur dann zu kommentieren, wenn du deinen rasenden Sexismus vor der Tür lassen kannst. Ich werde nicht mehr auf Sexismus, Rassismus oder andere Formen von Diskriminierung -soweit sie mir bekannt sind- reagieren. Ich werde sie in Zukunft auch nicht mehr freischalten. Es gibt auch in Diskussionen eine Grenze. Wenn du das nicht schaffen solltest, sag mir bescheid, damit ich dich blocken kann, um mir diese Dinge nicht jedes Mal wieder durchlesen zu müssen.

          Bin ich dankbar, diesen Kommentar nur in Stücken vernommen haben zu müssen. Hätte ich mal gleich nur den letzten Satz gelesen, mir wäre einiges erspart gelieben.

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