#15 late like thunder

Es fällt mir in letzter Zeit schwer, online aktiv zu sein. Ich schaue weniger Filme, lese weniger Bücher und Manga, ich höre weniger Musik. Gleichzeitig hat sich ansonsten aber nicht viel verändert. Ich bin nicht zufriedener oder unzufriedener, nicht aktiver oder passiver. Ich hab mehr oder weniger die gleichen Probleme, und so weiter.

Und es erinnert mich daran, dass mir einmal von jemandem vorgeworfen wurde, ich sei dem Eskapismus verfallen, und so medienbezogen, dass sich sämtliches Interesse an Wirtschaft, Politik und der Geschichte des Ziegenkäses* verabschiedet habe. Ich hab damals wirklich überlegt, ob da etwas dran sein könnte. Zu einem gewissen Maß sind Medien für mich Unterhaltung, und nur das. Kein Konstrukt aus Unterhaltungswert und Gesellschaftskritik, kein Spiegel des menschlichen Verfalls, kein metatextuelles Beispiel unserer Korruption. Es gibt Bücher, die mich mehr bestätigen als in Frage stellen, und Serien, denen ich nur mit viel Mühe Vorhalte bezüglich ihrer „Inklusivität“ machen kann.

Wenn also meine Orphan-Black-Bequemlichkeit ein Beweis für meinen Eskapismus sein soll, dann kann ich dem nicht widersprechen. Ich kann argumentieren, dass Medien nicht zwangsläufig Ablenkung oder Flucht sind, sondern Lehrmittel und Sicherheitsnetze, und das habe ich, aber Letzenendes kann ich weiterhin Persönlichkeit nicht über Bluttests feststellen. Bin ich Eskapist? Und bin ich es jetzt nicht mehr, weil ich mich endlich von der Last, die der britische Akzent bestimmter Schauspieler war, liberalisieren konnte?

Darf ich meine Mitgliedschaft verifizieren, indem ich „Keine Ahnung“ auf die Frage „Welche der folgenden ABC Serien wurde abgesetzt,“ antworte? Bin ich jetzt ein „richtiger“ Erwachsener? Ein integriertes Mitglied der Gesellschaft, wenn auch weiterhin arbeitsunfähig, und damit nie so wichtig, und ernstzunehmen, wie die mit Premium-Account? Nicht, dass mir nicht bewusst wäre, dass die letzten zwei Sätze meine „Jugendlichkeit“ (das ist ein Euphemismus für unreif und weltfremd) stärker unterstreichen, als Hashtag YOLO es könnte.

Seitdem das Wort „Eskapismus“ in den Raum geworfen wurde, knabbere ich daran rum. Wenn andere Leser sich selbst stolz Eskapisten nennen, springe ich im Dreieck und schreie „NEIN!“, und frage mich, ob ich es besser schlucken könnte, wenn mich auch andere Menschen so eingeschätzt hätten, und ich keine Seitenstrangangina hätte. Und wieso haben sie mich nie zu medienbezogen, geschweige denn einen Eskapist, genannt? Weil sie, wie ich, in einer Welt leben, in der ihnen die ständige Medienpräsenz (und deren Wichtigkeit) nicht entgangen ist? Weil sie mich mögen und denken, dass es eine Beleidigung ist, festzustellen, dass ich viele Bücher lese, viel seltsame Musik höre, viele Serien und Filme schaue? Weil es sie einfach nicht interessiert? Weil ich’s nicht bin?

Natürlich kann man mir sogut wie jedes Thema vorlegen, und ich würde mich damit so intensiv auseinandersetzen, wie mit der letzten Folge Game of Thrones, und höchstwahrscheinlich sogar noch viel mehr. Also ist es eventuell meine über-analysierende Persönlichkeit, nicht meine Vorliebe für Steampunk von Meljean Brook. (Oh, Meljean, ich liebe dich so sehr..) Vielleicht bietet mir eine Folge Community mehr Futter, als mich von Menschen anmachen zu lassen, die der Meinung sind, ich solle dankbar sein, dass mein Körper übersexualisiert und meine Persönlichkeit auf ein unabwendbares Übel runterreduziert wird.

Mein Intellekt ist nicht glaubwürdig, wenn ich nur drei Sachbücher im Quartal lese, und meine Internetaktivität bezeugt den Verfall meiner akademischen Laufbahn. Eigenständigkeit kann ich nur beweisen, indem ich allein bin, nicht, indem ich eigenverantwortliche Entscheidungen treffe.

Und da ich Eskapist bin, zu viele seltsame Songs höre, US-Serien schaue, und Sudoku auf der einfachsten Spielstufe spiele, kann ich auch nicht gegen-argumentieren. Weder mit meinem jetzigen Lebensstil, noch mit relevanten Tatsachen. Denn es wurde ja bereits entschieden. A) Ich bin Eskapist, B) Das ist schlecht, C) Alles, was ich äußere, ist deswegen grundsätzlich naiv und kategorisch falsch

* (Denn ja, sollte verändernde Zeitreise möglich sein, werde ich mein Bestes geben, Ziegenkäse, und wenn nötig Ziegen, aus dem Universum zu streichen. Es ist mir egal, dass ich die Einzige sein werde, die mir dafür danken kann.)

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