#7 you better move

Was ich die letzten paar Wochen gelernt habe, ist, dass ich niemals irgendeinen Menschen vollkommen verstehen kann. Egal, wieviele Aspekte seiner Persönlichkeit ich kenne, oder wieviele Verhaltensmuster ich meine, durchschaut zu haben, ich werde es wohl wirklich nicht schaffen, sein Wesen zu verstehen. Ich hab immer gedacht, dass ich mir dessen bereits bewusst war, aber je mehr ich reflektiere, desto mehr erkenne ich, dass das nicht stimmt.

Ich bin eine von den Freundinnen, die auch aus Solidarität nicht andere Menschen für Dinge beleidigen, die nicht schlimm/relevant/wahr sind. R.’s Ex hat eine Neue, und natürlich ist R. darüber nicht glücklich. Aber ich schaffe es nicht, mich dazuzubringen, ihr Dinge zu unterstellen, die nicht stimmen, oder Dinge als Beleidigung zu verwenden, die keine Beleidigung sein dürfen. Und weil ich zum Beispiel in diesen Situationen schon immer der Meinung gewesen bin, dass ich mir kein Urteil über Antipathie hinaus leisten dürfte, hab ich wohl angenommen, dass ich das Konzept meiner unmöglichen Allwissenheit bereits verinnerlicht hätte.

Aber wenn ich im Rossmann höre, wie eine Mutter mit ihrem Kind schimpft und dabei m.E. unangebracht ist, dann wende ich mich entweder ab, und erkenne also gewollt nicht, dass es mehr gibt, als die Dinge, die ich an der Oberfläche wahrgenommen habe, oder ziehe Schlüsse. In jedem Fall ist es mir nicht möglich, die Distanz zu überbrücken, weil ich mich als Folge in die Erziehung einmischen würde. Falls die Entscheidung der Mutter richtig war, dann ist es unnötig, und falls sie falsch gewesen ist, dann ändert es nichts, wenn ich sie anspreche: Entweder, das Kind wird die Autorität der Mutter in Frage stellen, oder die Mutter wird noch mehr schimpfen, weil „das Kind sie dazu gebracht hat, eine Szene zu machen,“ oder. Und dieses letzte „Oder“ macht mich verrückt, weil es nicht weiß. Ich weiß nicht, wie die Frau aufgewachsen ist, was die Geschichte hinter der Oberfläche ist, und ich kenne das Wesen des Kindes nicht. Letzenendes bin ich außerdem keine Mutter.

Ich nehme an, es ist ein Luxusproblem, durch die Stadt zu gehen, und sich zu denken, dass man an seiner Empathie/Einsicht/younameit arbeiten muss. Dabei fällt mir ein, dass das wohl auch mit meiner Erziehung zutun hat. Zum Beispiel: Typisch westlich ist, eine gut-böse-Schlussfolgerung zu ziehen. Im Kindergarten fallen wir hin, und unsere Erzieherin sagt, dass wir für jedes Hinfallen auch ein Aufstehen erleben, und dass für jede schlechte Erinnerung eine positive existieren wird. Wer in einen Hundehaufen getreten ist, hat den Rest des Tages Glück. Ich denke, es hat auch mit meinem deutschen Pessimismus zutun, aber mir kommt es prinzipiell seltsam vor, wie wir diese Dinge sagen, und wir der Großteil sie interpretiert.

Stattdessen hab ich gelernt, dass sich Dinge verstärken. Wenn etwas Schlechtes passiert, dann ist es wichtig, darin etwas Gutes zu finden, damit es sich verstärkt. Ich bin in den Hundehaufen getreten.. Dafür hat es zum Glück nicht die Person hinter mir erwischt. Der Optimismus, den man aus unseren Sprichworten entnimmt, impliziert eine Kausalität, die so einfach nicht existiert. Je mehr gute Dinge ich mache, desto besser geht es den Menschen um mich herum. Je besser es ihnen geht, desto eher werden sie etwas für ihre Mitmenschen zutun. Und mit Ausnahme meiner Mama kann ich dabei nicht mal von Altruismus sprechen, da es mir ja darum geht, dass es Letzenendes irgendwo und irgendwie mir gut tut, und das auch am Ehesten meinem Ziel entspricht. (Der Unterschied zwischen  „Ich tue etwas für X und es geht mir gut,“ und „Ich tue etwas für X weil es mir dabei gut geht.“)

Demzufolge ist es für mich wichtig, andere Menschen zu verstehen, weil ich nur durch dieses Wissen gute Dinge in ihrem Verhalten finden kann. Wenn mir jemand die Tür aufhält, dann kann ich mich nicht unbedingt darüber freuen, falls er es nur tut, um mir mein Geld oder Handy zu klauen. Wenn mich jemand schubst, dann sollte ich mich wohl freuen, falls er es getan hat, weil er dachte, gleich kommt ein Klavier vom Himmel gestürzt.

Face Value. Furchtbar. Und natürlich könnte ich einfach alles „positiv“ wahrnehmen, aber dafür bin ich zum Schluss doch etwas zu interessiert an der Wahrheit, nicht, dass das etwas daran ändert, wie ich mit Situationen umgehen sollte, egal, wie ich sie wahrnehme. – Wie auch immer, ich finde es sehr schwer, mich damit abzufinden, und ich bin mir bewusst, dass das einem Gottkomplex  doch sehr nahe kommt, aber das kann ich ja sicher darauf runterreduzieren und damit wegrationalisieren, dass ich tatsächlich der Schöpfer meiner Welt bin.. oder?

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