#3 I’m from a generation undecided, I’m restless and I can’t help changing lanes..

Ich hab das Gefühl, das die meisten Menschen, denen ich nebenbei und zufällig begegne, ein ganzes Universum an Dingen denken, die ich am Liebsten von der Welt treten möchte. Kleinigkeiten, die mir nicht wie Kleinigkeiten vorkommen, weil es eigentlich doch gar keine sind. Bauchschmerzen sind genauso wenig Kleinigkeit, sie sind Symptom.

In letzter Zeit hat sich meine Beziehung zu Essen etwas verändert. Ich denke und fühle mich gesünder, aber ich hab trotzdem diesen kleinen Zug. Wenn ich esse, kommt es mir so vor, als ob ich spüren würde, wohin der Kram, den ich auf dem Teller hatte, hinreist. Dass ich Selter in meinen Adern spüren könnte. Das ist nicht gesünder, es ist nur eine ganz neue Störung, nehme ich an. Ich hab momentan kein Interesse daran, Jahre im Internet darauf zu verschwenden, ihren Namen zu finden.

In gewisser Weise bin ich ein Symptom. Irgendetwas muss mit unserem derzeitigen System nicht funktionieren, wenn so viele Jugendliche kranker, gestörter, und unmotivierter werden. Wenn Arbeitgeber sich beklagen, wir wären unterqualifiziert, gleichzeitig aber auch 1,0er Pädagogen keinen, ihnen von „Oben“ versprochenen, Beruf mehr finden. Wir wachsen nicht mehr, aber wir hören nicht auf, unsere Schränke höher zu bauen, und unsere Wagen schneller.

Wenn ich durch die Stadt gehe, dann werde ich mit Kleinigkeiten konfrontiert, die keine Kleinigkeiten sind. Mit immer dürrer aussehenden Mädels, und mit Männern, die wollen, dass ich auch ihren Schmerz anerkenne; ja, sie müssen jetzt auch regelmäßig ins Fitnessstudio. Mit Asylbewohnern, die resignieren, wenn man sie anschaut, weil sie schon auf eine Beleidigung warten, und mit Pendlern, die einen großen Bogen um die Alkoholiker am Bahnhof machen, als wäre Sucht ansteckend.

Vielleicht macht es Sinn, dass unsere Autos schneller werden. Würde ich nicht durch die Stadt gehen, könnte ich diese Dinge wirklich wahrnehmen?

In letzter Zeit hat sich meine Beziehung zu vielen Dingen verändert. Ich versuche, aktiv zu verändern, wie ich über Menschen denke, und dabei entdecke ich immer mehr, wie viel sich da bei mir angesammelt hat. Ich bin von Trojanern zerfressen, und stolz auf mich, dass ich nicht mehr weinen möchte, wenn ich im Rossmann beobachten muss, wie jemand die falsche Foundation kauft.

Aber wenn ich nicht formulieren kann, wieso mich ein bestimmter Zeitungsartikel traurig macht, dann überlege ich, wie weit es geht. Wie sehr ich bestimmte Ansichten schon verinnerlicht haben muss, oder wie kaputt wir als Gesellschaft sein müssen, dass ich um Worte ringen muss, um verstanden zu werden. Was für ein Produkt sind wir geworden? Wieso bin ich kleinlich, oder paranoid, wenn ich auf Symptome zeige?

Und ich rede nicht von verbittertem Sperrmüll, der nie Interesse an Gesellschaft hatte, sondern nur eine heftige Profilneurose. Werde ich jemals ernst nehmen können, wenn irgendein Gamerboy mir sagt, die Mädels wären alle so böse zu ihm, dabei sei er ein Nice Guy? Die Chancen stehen schlecht.

Ist es nötig, drei Jahre im Internet zu verbringen, um herauszufinden, wieso wir alle so gestört sind? Reicht es, Flyer an Mittelrechte zu verteilen?

Ich weiß, dass es nicht reicht, zwei Kaffee zu trinken, wenn man müde ist. Aber mir kommt es vor, als hätten wir Menschen die letzten Jahrzehnte damit verbracht, nur zwei Stunden zu schlafen, um schnellstmöglich die schnellstmöglichen Autos auf den Markt zu bringen. Was bleibt uns groß übrig, um nicht ins Heilkoma zu fallen?

Vielleicht sollte ich weniger darüber nachdenken, aber ich hab zwei Cappucino getrunken, mein Herz rast wie wild, ich hab ne Grippe und kann meine Schmerzmittel nicht nehmen, weil ich mir einbilde, zu spüren, wie sie durch mein Blut in Richtung Hirn rauschen.

Advertisements

2 Kommentare zu „#3 I’m from a generation undecided, I’m restless and I can’t help changing lanes..

  1. „Segmentierung“ nennt man das in der Fachsprache, glaube ich, dass etwa Menschen mit Tagesfreizeit andere Menschen über den Weg laufen, als Werktätigen. Die Auszubildenden einer großen Bank zum Beispiel, denen ich regelmäßig begegne, wirken auf mich wohlgenährt und kein bisschen fertig. Auch bei mir auf der Arbeit lerne ich regelmäßig Hochschulabsolventen kennen, die man scheinbar gar nicht satt bekommt vor Arbeit, und die dann abends noch zum Tae Bo flitzen. Wobei ihnen 120 qm in einem hippen Stadtteil und ein Sportwagen offenbar Lohn genug sind. Würde ich denen erzählen, dass ich Weblogs lese von depressiven Menschen, würde sich wohl nicht einer von 1.000 nach den URLs erkundigen…

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s