#33 Wie soll ich ein Rassist sein, in meiner Schokohaut?

Ich bin keine sonderlich gute Schwester. Damit meine ich nicht, dass ich nicht ständig an meine Schwester denke, über ihre Zukunft philosophiere und mir Sorgen mache; all das tue ich. Aber was hat man von Gedanken? Falls mein Vater jemals drei Sekunden an mich gedacht haben sollte, so hat mir das Letzenendes doch wenig geholfen. Ich hab deswegen nicht weniger das Gefühl, mich beweisen zu müssen. Ich muss deswegen nicht weniger das Bedürfnis, von älteren männlichen Menschen gemocht zu werden, unterdrücken.

Ich bin keine sonderlich gute Schwester, obwohl ich meine Schwester so sehr liebe, dass ich nicht wüsste, wie ich ohne sie in meinem Leben klarkommen würde. (Ohne die einfache Akzeptanz, mit der sie mich umarmt, wenn ich zu ihr gehe, oder meine Hand hält, wenn wir zur Schule gehen. Ohne zu wissen, dass sie existiert.)

Es ist seltsam, wie oft ich darüber nachdenke, dass ich so bin, wie einige der Menschen, die mich in der Vergangenheit verletzt haben. Man müsste meinen, ich hätte bisher irgendwie erfasst, dass mir das wohl etwas sagen sollte; dass ich deswegen aktiv entgegen handeln würde; dass ich deswegen mehr Verständnis hätte.

Ich hab nicht akzeptiert, dass mein Vater kein Papa ist, und dass mein Papa jetzt jemand Anderem die Ratschläge gibt, die ich nicht mehr zu hören bekommen hab. Ich hab es hingenommen. Eine unglaublich falsche Akzeptanz. Ich denke immer noch, dass ich etwas Besseres verdient hätte, und obwohl ich beiden so ähnlich bin, habe ich mich noch immer nicht damit abfinden können. Es existiert kein „innerer Frieden“, wenn ich darüber nachdenke, dass der einzige Mann, der mal einem Fast-Freund gedroht hat, der ist, der beinahe meine Mama getötet hätte, anstatt meines Vaters oder meines Papas.

Ich denke nicht, „Hey, sie hatten eigene Probleme,“ oder „Dass sie es nicht gezeigt haben, oder dass sie in Drogenlöcher gefallen sind, bedeutet nicht, dass sie mich nicht trotzdem geliebt haben,“. Ich denke, „Ich war nicht gut genug,“ und ich denke, „Ich werde niemals eine eigene Familie gründen.“

Nun ist meine Rolle nicht die eines Vaters, aber trotzdem ist sie vermutlich stützender als die anderer Geschwister. Der Altersunterschied zwischen meiner Schwester und mir ist relativ groß, ich wohne zuhause, sie orientiert sich an ihrem Umfeld, sie ist abhängig von mir.

Und es ist unglaublich frustrierend, dass ich diese Dinge weiß, und trotzdem nicht anders handle. Dass es eine „Anstrengung“ ist, Kind zu sein, und offen zu zeigen, wie wichtig sie mir ist, wie wichtig mir meine Familie ist.

Wenn ich davon spreche, dass ich depressiv bin, dann nehme ich das oft so hin. Weil ich nicht sonderlich leide, und weil ich schon immer eher gefühlskalt, stolz und stur gewesen bin. Depression ist für mich nicht sonderlich ’neu‘, es ist nur eine Kategorie, die ich anklicken kann.

Das Problem ist, sich nicht verbessern  zu können, weil man die Kraft nicht findet. Nicht hochstehen zu können und joggen zu gehen; nicht irgendeinen komischen Strickkurs zu belegen, weil man da regelmäßig hinmüsste, oder das Geld nicht hat, weil man keinen Job hat, weil man da regelmäßig hinmüsste; nicht genug Konzentrationsfähigkeit zu haben, um Gedanken zu kultivieren, die es ermöglichen würden, mehr als zwanzig Minuten alle zwei Wochen mit meiner Schwester Zeit zu verbringen.

In anderen Worten.. Ich mache mir Sorgen, dass sie Probleme haben wird, die mir zu bekannt sind, weil ich so war, wie irgendein Mensch, der eigentlich keine Rolle spielen sollte, weil er sie nicht wollte, oder selbst nicht die Kraft gefunden hat.

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3 Kommentare zu „#33 Wie soll ich ein Rassist sein, in meiner Schokohaut?

  1. Entschuldige bitte!! Aber totaler Schwachsinn….
    Deine Schwester hat wahnsinniges Glück Dich zu haben…und zwar genauso wie Du bist!

    1. Sehe ich nicht so. Ganz realistisch betrachtet, ohne irgendwelchen Selbsthass.. Dass ich Dinge mache, bedeutet nicht, dass ich eine gute Schwester bin, oder meine Schwester Glück hat, mich zu haben. Oder Pech. Aber ich bin keine sonderlich gute Schwester.

  2. Ich habe selbst keine Schwester und meine Brüder und ich lagen alle 2 bis 2 1/2 Jahre auseinander, aber ich finde es schön, zu lesen, dass sie dich umarmt oder deine Hand nimmt, wenn ihr zur Schule geht. Ich denke, so etwas ist wirklich etwas besonderes. Und besonders wichtig.

    Ich glaube, als großer Bruder oder große Schwester bürdet man sich oft auf, den kleineren Menschen beschützen zu müssen. Für ihn da zu sein, ihm Erfahrungen mitzugeben oder ihn in eine bestimmte Richtung zu lenken.
    Ich für meinen Teil habe mir all die Jahre umsonst Sorgen gemacht, denn mein Bruder ist in meinen Augen ein toller Mann geworden. Und auch, wenn du selbst mit dir nicht zufrieden bist, so als große Schwester, ergibt sich aus den nicht ganz gewöhnlichen Umständen, unter denen du erwachsen geworden bist, eine große Chance.

    Seit ich deinen Blog lese, denke ich: Die junge Dame kämpft mit Problemen und Sorgen und Schwierigkeiten, die nicht viele nachempfinden können. Und du bist immer noch da. Du schreibst, du malst, du lernst und liest.
    Worauf ich hinaus will: Du bist vielleicht eine andere Schwester. Weil du selbst andere Umstände erlebt hast. Und viele davon leider nicht einfach.
    Aber so kannst du deiner kleinen Schwester zeigen, dass man auch solche Dinge überstehen, angehen und überwinden kann.

    Also, um dem ganzen Gelaber ein Ende zu machen: Wir großen Geschwister sind in solchen Dingen oft zu hart zu uns selbst. Und ich denke, deine Schwester ist schon sehr zufrieden, jemanden zu haben, den sie umarmen kann, der ihre Hand nimmt. Mehr braucht es manchmal auch nicht. Der Rest geschieht oft unbemerkt und zeigt sich erst viel später. :-)

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