#11 And though the truth may vary..

Alle paar Wochen habe ich pretend-Gespräche mit meinem unsichtbaren Therapeuten, in dem ich überlege, was ich sagen würde, wenn. Und jedes Mal höre ich mitten drin auf, weil es frustrierend ist, zu bemerken, wie sehr ich mich über andere Menschen und unwichtige Ereignisse definiere.

Wobei ich immer noch nicht weiß, was eine allgemein akzeptierte Art ist, sich selbst zu identifizieren. Man ist sowieso entweder fixiert darauf, welchen Job man hat, in welche Familie man geboren wurde, wie oft der eigene Körper um die Sonne gekreist ist, oder in welchem Land man lebt. „Ich bin eine 25 Jährige Tierpflegerin der dritten Generation aus der Schweiz,“ und „Ich bin gerade im sechsten Semester meines Medizinstudiums, in meinen Zwanzigern, Bruder, Sohn, Onkel.“

Aber wo würde ich anfangen?

Ich bin in meinen 20ern, ich habe keinen akzeptablen Schulabschluss, ich bin depressiv, ich bin eine wenig engagierte Schwester. Mein biologischer Vater fand es wichtiger, keinen falschen Eindruck zu hinterlassen, als anzuhalten und das Mädchen, das 22 Uhr in einer dunklen Gegend allein rumlief und das er für mich hielt, zu fragen, ob er sie mitnehmen sollte, mein tatsächlicher Vater schaut mich nicht einmal an, wenn wir in der Stadt aneinander vorbeigehen, das Einzige, das ich aus den Beziehungen meiner Verwandtschaft und meinem Bekanntenkreis gelernt habe, ist, dass sie alle enden, oder die Leute sterben, bevor sie dazu kommen, sich auseinanderzuleben. Meine Prioritäten liegen auf einer Skala von Normal zu Verliebter Teenager zwischen Hermine Granger und April Keppner, ich kann nicht weinen, und unterstelle Menschen ziemlich viel. Fast alles, was ich tue, und es ist nicht viel, basiert entweder auf Schuldgefühlen oder Scham. Ich fühle mich hilflos, mein biologischer Tag hat 23 Stunden, und mindestens neun davon muss ich schlafen. Ich kann keine Freundschaften aufbauen, ich korrumpiere die Dinge, die mir gut tun. Dem Typen, den ich wollte, habe ich beinahe eine runtergehauen, weil er mich küssen wollte. Ich bin höchstwahrscheinlich bi-romantisch und demisexuell, ich kritisiere gerne. Wenn ich könnte, würde ich Menschen in ihrem Berufsalltag beschatten und dafür dann bitte Geld bekommen.

Und ständig wird nach Ursachen gesucht, als ob irgendetwas, das mir passiert ist, wirklich noch damit zusammenhängt, wie es mir geht. Es ist egal, wer mich in den Tümpel geschubst hat. Ich komme nicht etwa deswegen nicht raus, weil er weiterhin am Rand steht, sondern weil ich zu weit unten bin. Weil es manchmal wirklich warm und.. beruhigend hier drin ist, weil ich manchmal die Hände wegstoße, die mich hochziehen wollen, weil ich oft einfach nur darauf hoffe, dass mich jemand aus dem Tümpel zieht, ohne, dass ich selbst etwas tun muss. Weil ich vor einiger Zeit erkannt habe, dass aus dem Tümpel kommen nicht bedeutet, dass es mir dann gut gehen wird, sondern ich erst einmal Infusionen und eine Dusche brauche, ein wenig Ergotherapie und eventuell eine Schiene für mein linkes Bein. Und hier aus meinem Tümpel heraus sieht alles, was der Rest der Welt macht, nicht unbedingt schön aus. Es sieht nur dreckig und nervig und anstrengend aus. Weil wir am Ende des Tages nicht mehr sind als Zahnräder, deren einzige Bedeutung es ist, zu existieren.

Weil wir alleine sterben, und eventuell auch alleine leben, und weil ich die schönen Dinge nicht wahrnehme, auch, wenn falls wenn sie da sind. Weil es mir komfortabler vorkommt, in meinem Tümpel zu sein, und nicht mehr zu versuchen, herauszukommen. Nicht, weil ich das ganz und gar nicht will, sondern, weil ich keine Gründe finde, die wirklich mit mir zusammenhängen. Vielleicht, weil ich mittlerweile so lange hier drin war, dass die Hälfte von mir Tümpel ist, oder, weil ich nicht lang genug gelebt habe, um Wünsche zu entwickeln, die meine Pubertät überleben könnten.

Ich bin zwanzig Jahre alt, und manchmal fühle ich mich wie vierzehn, wenn ich sage, dass ich mich wie fünfzig fühle, weil es in keinem Verhältnis steht, und, weil ich ehrlich gesagt tatsächlich zwanzig und ein Tümpel bin.

Und mein unsichtbarer Therapeut schaut mich nur an, und fragt, „Wieso?“

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2 Kommentare zu „#11 And though the truth may vary..

  1. Bin mir nicht sicher, ob ich das richtig verstehe oder deute oder lese. Bin noch etwas dehydriert, müde und auch ein klein bisschen besoffen, glaube ich.. Kann es sein,dass du nicht aus dem Tümpel willst, weil du dich einfach dran gewöhnt hast? In der Art:“Klar ist es draußen schöner, aber ich hab mich an den Tümpel gewöhnt. Und wer sagt denn, dass, wenn ich hier raus komme, nicht jemand da ist, der mich in einen dreckigeren Tümpel mit Algen wirft?“?

  2. Unter Anderem? Also, zumindest jetzt habe ich das Gefühl, als ob es eine Ansammlung aus Gründen (gewesen) ist. Im Prinzip wäre es auch etwas verdächtig, wenn wir alle immer nur einen Grund hätten? Leicht dehydriert bin ich auch, aber besoffen? Tze, tze! ;)

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