#3 There once was..

i c h s o l l t e s c h l a f e n a n s t a t t m ü l l z u s c h r e i b e n – eine autobiografie

Als ich jünger war, wollte ich unbedingt in den Kindergarten. Mami hat sich ungemein Sorgen gemacht, und mir erklärt, dass ich nicht mit Fremden mitgehen darf. Vor allem nicht mit älteren Männern. Manche sehen so aus wie der da, aber viele nicht. Und es ist auch möglich, dass es Frauen wären, die böse sind. (Und mir fällt gerade ein, dass wir das bei meiner Schwester nicht genügend betont haben, more later.)

Ich kann nur grobe Vergleiche ziehen, und Mami ist sowieso etwas besorgter als die meisten Eltern, aber grundsätzlich haben meine Mitschülerinnen ähnliches im Unterricht oder den Pausen angebracht, während die Jungs eben Jungs waren, und zwar genauso gewarnt wurden, denn Pädophile sind Pädophile, aber im Laufe der Jahre nur noch zuhören mussten, wenn es darum ging, keine Schneebälle zu schmeißen, weil darin Steine sein könnten.

Währenddessen haben wir, die wir keinen Penis besaßen, mental Listen angefangen. Nicht alleine abends rausgehen, nicht auf Parkplätzen warten, nicht dort und dort stehen, nicht das und das machen, nicht im Stadtpark sein. Wenn wir rausgehen, dann immer in belebten Gegenden bleiben, oder mit Freunden.

Zwei Jahre später wurde uns erklärt, dass auch diese Freunde uns irgendwie verletzen könnten, vor allem, wenn sie gerade getrunken haben, oder Drogen genommen, oder es sehr spät ist, oder sie einen schlechten Tag hatten, oder einfach, weil sie einen Penis besitzen.

Wir hören regelmäßig davon, wir sehen es im Fernsehen, wo Dany sich Letzenendes in Khal Drogo verliebt (und der Zuschauer es ihr vermutlich gleich tut; ich hab es zumindest) und alle hoffen, dass Violet und Tate zusammenkommen; lesen es in Büchern, wo eigentlich fast jede Heldin vergewaltigt wird, oder zumindest fast. Und unsere seltsamen, sexistischen Onkel labern eventuell irgendetwas von „der Ollen, die vor Kurzem im Nachbardorf meinte, sie wäre vergewohltätigt wurden, als würde die irgendwer mit Handschuhen anfassen wollen.“

Wir kriegen Flyer, oder sehen auf Facebook und Tumblr Posts, dass wir keine Zöpfe tragen sollen, weil Vergewaltiger im Knast mit ihren Therapeuten darüber gesprochen haben, dass sie solche Frauen bevorzugen, weil sie da etwas hatten, woran sie die Frauen um die Ecke ziehen konnten. Wir sollen nicht die Hände voll haben, weil wir sonst beschäftigt und abgelenkt wirken, aber wir sollen auch immer das Handy in der Hand haben, um schnell jemanden anrufen zu können. Wir sollen unsere Angreifer Siezen, damit Umstehende realisieren, was passiert, aber wir sollen mit ihnen sprechen, damit sie bemerken, dass wir ein Mensch sind.

Wenn wir Kleider tragen, dann haben wir’s doch gar nicht anders verdient, wenn wir in Lumpen rumrennen, dann sollen wir doch dankbar sein, mal flachgelegt wurden zu sein. Wenn wir „Nein“ sagen, dann meinen wir’s doch nicht so, und sollen uns doch nicht so haben; Wenn wir jemals zu irgendjemandem „Ja“ gesagt haben, dann sind wir Schlampen und haben es, wer hätte es anders erwartet, nicht anders verdient. Wir sollten doch kein Fleisch vor die Nasen bluthungriger Hunde halten.

Und fickt euch, Männer sind keine Hunde, die nicht nachdenken können, oder verstehen, was „Nein“ bedeutet. Und auch Frauen sind das nicht. Egal, wie geil man gerade ist, wenn der Andere nicht „Ja“ sagt, dann sagt er „Nein,“ und damit Aus.

Und das Problem ist nicht nur, dass wir ständig den potentiellen Opfern sagen, dass sie nicht vergewaltigt werden sollen, anstatt den potentiellen Tätern, dass sie nicht vergewaltigen sollen. Oder, dass wir weiterhin daran festhalten, dass nur Personen mit Brüsten Opfer sein können, und Personen mit Penissen Täter.

Wir haben keine offenen Diskussionen mehr. Wir erlauben keine Fragen, ohne, spöttisch zu sein, wenn wir „es besser wissen“, oder feindselig, wenn jemand etwas nicht versteht. Wir attackieren einander, anstatt zu kommunizieren, und sitzen dann morgens mit unseren Kindern, Geschwistern, oder wem auch immer, am Tisch und gehen noch einmal die Regeln durch: Nicht über die Straße laufen, immer gut bei der Lehrerin bleiben, aufpassen, nicht mit Fremden sprechen, nicht mit Fremden mitgehen, keine Süßigkeiten annehmen, anrufen, falls etwas passiert, warten, bis man von der Schule abgeholt wird.

Und das ist ziemlich traurig, weil die nächste Generation weiter so aufgezogen wird. Wo Jungs halt Jungs sind, und deswegen immer eine Freikarte kriegen, und sich mies benehmen dürfen, unordentliche Ordner führen können, trotzdem Einsen bekommen, sich prügeln, trotzdem nicht Nachsitzen müssen, Rumschreien, trotzdem „sehr gutes Betragen vorweisen“, nicht weinen sollen, nicht solche Memmen sein sollen, nicht dies und das. Und wo Mädchen kleine Prinzessinnen sein müssen, die ordentlich essen und trinken, und sich wunderbar benehmen, saubere Handschrift haben, ihre Hausaufgaben machen, sich beschützen lassen, gerne kuscheln, und aufpassen sollen, damit sie nicht vom bösen Vergewaltiger geschnappt und ermordet werden.

Wunderbare Gute Nacht Geschichten.

Wir erziehen unsere Zukunft dahin, sich zu benehmen, wie Gewaltätige und Opfer. Wir schauen zusammen mit ihnen „Die Schöne und das Biest“, und nehmen uns danach nicht die Zeit, zu erklären, warum eine Beziehung wie diese in der Realität nicht wünschenswert ist, und dass es nicht Geduld und Liebe braucht, um aus einem gewalttätigen Arsch einen Prinzen zu machen – und dass das sicherlich nicht die Aufgabe eines Mädchens ist; wir akzeptieren die dummen Sprüche, die Bekannte von Bekannten machen, weil wir keinen Wirbel auf der Party machen möchten; wir nehmen Dinge hin, die wir nicht hinnehmen dürfen, und ignorieren Zeichen, weil wir nicht aufdringlich oder nervig sein möchten.

Und immerhin, es gibt mittlerweile Männer, die zugeben, dass ihnen Schwule deswegen unangenehm sind, weil sie sich insofern männlich benehmen, als dass sie mit ihnen flirten, und dass auch, wenn die Männer nicht zu erst Interesse gezeigt haben, und nicht weggehen, sobald ihnen deutlich gemacht wird, dass keines besteht. Und weil diese Schwulen meistens eher körperlich in der Lage sind, sie zu verletzen als Frauen das sind. Und immerhin gibt es mittlerweile Menschen, die akzeptieren, dass auch Männer vergewaltigt werden können, und Frauen vergewaltigen.

Und Menschen, die nicht die Augen verleihern, wenn man diese Dinge anspricht, oder die in ihrer verkappten Welt von Vanille-Sexualität leben, in der Sex nur so funktioniert, wie sie ihn hatten.

Was ich eigentlich sagen wollte, und das hier ist eines meiner Themen, die immer wieder aufkommen, also excuse me, ist, dass wir zu wenig reden, und zu wenig nachdenken, und Dinge für selbstverständlich nehmen. So, wie ich gerne zugeben darf, etwas nicht zu können, weil die meisten Typen dann eigentlich nur hochspringen, und dem armen Mächen helfen. Und so wie ein Freund noch immer nicht versteht, dass ich nicht „Nein“ zu einem Bekannten gesagt habe, als der mich geküsst hat, weil ich Angst hatte, dass er nicht aufhört, selbst, wenn ich es sage. Und so, wie ich zu erst angenommen habe, das erste Mal eines Freundes wäre mit einem Mädchen, und so, wie ich scheinbar schon lange Sex gehabt haben müsste, ich hab doch große Möpse. Und so, wie alle Frauen in einem Raum sich anschauen können, und „in the know“ sind, wenn es darum geht, dass sie vor Gericht eh angepisst sind, mit Ausnahme von der einen Frau im Raum, die so tut, als hätten sie einen, und zwar aus genau dem Grund, aus dem wir vor Gericht am Arsch sind.

Wir reden nicht, wir klären nicht auf, wir sind nicht offen dafür, dass wir furchtbare Filme schauen, und unsere Kinder verziehen, und unseren Bekannten Dinge durchgehen lassen.. Wir reden nicht. Und wenn wir es tun, dann nicht so, dass ich mich wohl fühlen würde, Kinder zu haben, die gemobbt werden würden, weil sie ein wenig besser aufgeklärt wurden, als der Rest.

Es war einmal ein junges Mädchen, das lief allein durch den Wald, um von der Stadt, in die es sich geschlichen hatte, zurück nach Hause zu kommen.

Ein Wolf wollte sie angreifen, doch sie konnte noch ausweichen und er schlitterte zwischen ein paar Bäume. Sie hörte einige Kampfgeräusche, und dann kam ein Mann, der junge Jäger des Dorfes, heraus, einige Kratzer im Gesicht, und einen Mantel um, der ihr versicherte, dass sie sich jetzt keine Sorgen mehr machen brauche. Sie liefen zusammen weiter, und freundeten sich noch enger an, hatten sie doch schon öfter den Weg geteilt, oder sich im Dorf gesehen.

Als sie am Haus ihrer Familie ankam, brandte es, und sie brach weinend zusammen. Der junge Jäger, schwer schluckend, bot ihr an, bei sich einzuziehen, und so nickte es dankbar. Sie gingen ein Weilchen, und kamen dann vor dem Haus des Jägers an. Es war riesig! Viel riesiger, als das Mädchen je gesehen hatte.

Jeden Tag machte das Mädchen den Haushalt und das Essen, während der junge Jäger verschwand. Eines Abends fragte das Mädchen, was er denn täte, und sein Gesicht verzog sich schmerzhaft. Er sah in das Gesicht vom Mädchen und bat sie, doch lieber von ihrem Tag zu sprechen. Es sprach davon, dass es einer Katze, die sich das Bein verletzt hatte, geholfen habe, und wie es ein neues Buch gelesen hatte.

Am nächsten Tag, als der junge Jäger zurückkam, hatte er einige Bücher aus der Stadt mitgebracht, und erklärte, dass ihm nichts wichtiger war, als das Glück des Mädchens, und dass es ihm Leid täte, dass er die Tage zuvor so grimmig gewesen war.

Long story short: Irgendwann heiraten sie, nachdem sich herausstellt, dass er ein Werwolf ist, und ihre Familie getötet hat, weil er sie so geliebt hat, und mit ihr zusammen sein wollte, nachdem er sie im Dorf lächeln gesehen hatte. Beide sind nur eine undefinierbare Präsenz im Leben des Anderen: Sie liest, und ist tierlieb, er ist stark und hat ein Haus/einen Job. Es ist vollkommen egal, dass er sich, als sie durch den Wald gingen, gerade so beherrschen konnte, sie nicht noch einmal zu attackieren, oder, dass er ihre gesamte Familie ermordet hat, denn ihre Liebe hat ihn geheilt, und als Frau ist es doch der Job sans magischer Brüste Männer zu heilen. Denn wir sollen uns ja auch nicht in das, was wir vor uns haben, verlieben, sondern in das, was er man werden könnte.

In anderen Worten: Obwohl ich mir tatsächlich vorstellen könnte, Kinder zu haben, kann ich mir nicht vorstellen, jemals Kinder zu haben.

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Veröffentlicht von

Patricia

People I know started following me. This is getting too real.

6 Gedanken zu „#3 There once was..“

  1. Volle. Zustimmung. Wobei ich bei den Erziehungssätzen noch ergänzen würde: dieses komische Nebeneinander von „Geh nicht mit fremden Männern mit“ und „Stell dich nicht so an!“, wenn einen ein Groß- oder sonstiger Onkel drücken möchte. Gehört der nämlich zur Familie, ist es auf einmal nicht mehr erwünscht, laut „Nein, lass mich in Ruhe!“ zu sagen.

    1. Stimmt, das habe ich vollkommen vergessen. Vermutlich, weil meine Familie mittlerweile viel kleiner geworden ist, weil sowas selten passiert ist, und weil ich tatsächlich im Kopf hatte, dass ich mich nicht so hätte anstellen sollen. D: Obwohl meine Mama natürlich hinter mir stand, und erklärt hat, dass ich schüchtern bin und es mein gutes Recht ist, nicht jeden Umarmen zu wollen. Aber das „entschuldigende Erklären“ und Belächeln und generell das „gib dir doch einen Ruck und kuschel mal den Uropa/Onkel XYZ“ im Nachhinein.. (Edit: Obwohl in den seltensten oder höchstwahrscheinlich gar keinen Fällen von Mami, die mich verstehen konnte etc.).. Es ist eigentlich total seltsam, denn niemand meint es böse, aber Letzenendes.. Wie auch immer; Dankeschön für dein Kommentar und die Ergänzung! (Edit, hab gerade Mami gefragt, und die stimmt mir zu und meint, dass sowas bei mir tatsächlich nie von ihr aus ging, denn „wenn sie was will, was hört, dann hätte sie sich nen Hund gekauft.“)

      1. Ich wüsste auch nicht, wie ich da ein Kind unfallfrei durchmanövrieren sollte, denn als Erwachsener geht man ja davon aus, dass die Bekannten/Verwandten es nur gut meinen… Wobei genau das eigentlich schon das Problem ist. Und den Kommentar deiner Mutter finde ich gerade sehr cool, das merke ich mir.

        1. Es gehört ja auch irgendwo dazu, das Kind über die eigenen Fehler zu erziehen, und dadurch eventuell auch ungewollt zur Autonomie zu „drängen“. Aber gruselig ist es, die Verantwortung für die Persönlichkeit eines ganzen Menschen zumindest zum Teil zu übernehmen. – Stimme dir zu, es muss wirklich sehr schwer sein. Tja, meine Mama.. ;)

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