#85 Everybody knows that I’m a mess.

Ich sehe nicht sehr asiatisch aus, wurde mir gesagt. Auf einem Foto, auf dem man mein Gesicht aus dem Halbprofil sieht, wohl schon, denn jemand, der mich noch nie live gesehen hat, hatte mich bei ICQ vor Monaten mal gefragt, ob ich irgendwo in meinen Genen etwas aus der Region abbekommen hätte, weil Augen, aber ansonsten beteuern mir Menschen, ich würde nicht sehr aussehen, wie eine Vietnamesin. (Und nein, ich gehe nicht rum und frage, es kommt nur ab und zu mal auf.) Für eine lange Zeit hab ich versucht, da irgendetwas in mir zu finden, das mich mit meiner DNA verbindet. Irgendetwas Vietnamesisches, das erklärt, warum ich eben etwas anders und weniger beliebt bin, oder wieso dies und das. Leider bin ich eine Niete in Mathe, und so, also..

Und es gibt viele Menschen, die glauben, dass ich mir bestimmte Dinge eingebildet hätte, oder eher selbst provoziert. Zum Beispiel, dass ich eben oft Fidschi genannt wurde. Oder Schlitzauge. Oder dass man mich gefragt hat, ob ich zuhause auch Katze esse. Weil sowas nicht passiert, wenn man mit mir zusammen unterwegs ist, passiert es natürlich auch nicht, wenn ich alleine draußen bin. Und bestimmt haben die Leute nicht erkannt, dass ich Vietnamesin bin, sondern ich hab es ihnen gesagt. (Denn das macht die vielen Sprüche gleich viel erträglicher. Hätte ich nichts gesagt, würde ich nicht dumm gemacht werden. Yay.) – Das sind Dinge, die Deutsche, oder generell weiße Menschen, eher nicht verstehen, weil sie damit nicht aufgewachsen sind, und weil es auch nicht wirklich möglich ist, sich hineinzuversetzen.

Es gibt für alles irgendwelche Sprüche. Ob man nun dick, türkisch, klein, blond, oder schlau ist. Und jeder Mensch hat seine eine Unsicherheit, die ihn eventuell immer verfolgen wird: Als R. und mir in der Stadt „Schlitzauge“ hinterhergerufen wurde, von jemandem, der mich schon oft angerempelt hat, war sie und ist sie fest überzeugt, dass sie gemeint war, weil sie auf einem Auge blind ist. Dass das Auge sogar noch größer wirkt als ihr anderes, und dass sie absolut keine Schlitzaugen hat, ist dabei vollkommen egal. (Und naja, dass der Typ ein Nazi ist, wie eigentlich jeder in der Stadt weiß.)

Und es ist nicht so, als würde ich solche Sprüche nicht kennen. (Obwohl ich die ganze Salamikind-Mobbing-Sache in der Grundschule jetzt sogar mal auslasse.)

Aber es gibt Dinge, die mehr stören, als andere. Fett genannt zu werden, ist viel weniger schlimm als dumm: Denn an „dumm“ kann man höchstwahrscheinlich wenig ändern. (Dumm bedeutet dumm, ungebildet bedeutet ungebildet.) Was kann man dafür, dass die Eltern Drogen genommen oder getrunken haben, oder einem als Kleinkind keine ausgewogenen Nahrungsmittel auf den Teller gehauen? Was kann man dafür, dass man schlichtweg weniger intelligent ist? Nichts. Man kann nicht plötzlich aufstehen und sagen, heute gehe ich ins Intelligenzcenter und trainiere für drei Stunden. (Und nein, Nintendo DS spiele machen dich nicht schlauer, maximal gebildeter oder flexibler.)

Ein großes Problem für mich. Dieses „Nichtdazugehören“. Vor allem, weil ich ja nicht asiatisch aussehe, und deswegen offensichtlich dazugehöre. Außer, dass meine Freunde nie Fidschi genannt wurden, und auch noch nie deswegen mit Steinen beschmissen. Und dass sie keine Angst haben müssen, in einem kleinen inzestuösen Nazidorf in Ostdeutschland zu leben, indem auf der Polizeiwache gemeint wird, die Frau solle sich nicht so aufregen, sondern eher bedanken, dass sie mal vergewohltätigt wurde.

Was ich meine ist, ja. Ich sehe vermutlich tatsächlich absolut nicht Asiatisch aus, außer, wenn ich bestimmte Gesichter mache, oder meine Haare hochstecke und Eyeliner auflege. Und nein, ich wurde seit langer Zeit nicht mehr angerempelt – einmal, weil ich seit langer Zeit nicht allein in Gegenden draußen war, in denen nicht mindestens drei andere Menschen unterwegs waren, aber vielleicht auch, weil es einfach so ist – und scheinbar strahle ich eine Aura von Autorität und Psychokiller aus, die viele davon abhält, mich Fidschi zu nennen. Also, ja, der Post hier ist wieder eines der „alten“ Themen, die einfach mal rausmussten.

Weil ich mich unfair behandelt gefühlt habe, von den Leuten, die mir sehr nahe stehen, denn ihre guten Ratschläge kamen mir vor wie ein Runterreden meiner Probleme, wenn es eigentlich so war, dass sie einfach nie mitbekommen haben, wie blöd es eigentlich gewesen ist. Zum Teil, weil ich nie wusste, wie ich es formulieren soll – immerhin war ich die Hälfte der Zeit unter 10 Jahre alt – und auch, weil ich ihnen tatsächlich Gründe gegeben habe, meine Aussagen anzuzweifeln.

Es macht mich ehrlich gesagt sehr wütend, obwohl ich über die Nazisache hinwegbin, weil es wieder so eine Situation war, in der ich durchs Netz gerutscht bin, weil ich nicht ganz in die Schubladen gepasst habe. Weil ich nicht überall die richtigen Häkchen gesetzt habe, und nicht 97 Prozent des Musters erfüllt.

Was, um ehrlich zu sein, the story of my life ist.

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Ein Kommentar zu „#85 Everybody knows that I’m a mess.

  1. „Geboren im südvietnamesischen Städtchen Soc Trang, 15 Kilometer vom Ufer des Mekong. Irgendwann im Februar 1973 mitten im mörderischen Vietnamkrieg …
    Seine Eltern kamen wahrscheinlich kurz nach seiner Geburt ums Leben. Wer sie waren, wie sie hießen, wo ihre Gräber sind – niemand weiß es.
    Aber er hatte unglaubliches Glück: Irgendjemand brachte den Säugling in das katholische Waisenhaus Kanh Hung am Rande der Stadt.
    Neun Monate später hat das Findelkind wieder Glück: Die deutsche Familie Rösler aus Hamburg adoptiert den kleinen Vietnamesen – und nennt ihn Philipp.“
    Für mich siehst Du so asiatisch aus wie der Bundesminister für Wirtschaft und Technologie. Es steht Dir also frei, Vizekanzlerin unseres Landes zu werden…

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