#54 The irony is not lost on me.

Das Interessante, für mich, an diesem Artikel ist, dass er bereits existiert hat. Schon zig Mal, nur, dass es immer um etwas Anderes ging.. und Letzenendes doch dasselbe. Ich meine, meine Wahrnehmung hat sich innerhalb wenigster Tage so sehr verändert, dass sich der gesamte Artikel verändert hat, und die vielen Entwürfe, die in den letzten zwei Wochen entstanden sind, hier vermutlich in direkter Form nur als Nebensätze weiterhin existieren werden.

Und so etwas Ähnliches habe ich lustigerweise auch schon zwei Mal zuvor geschrieben. Was seltsam ist.

Let’s talk Ohnmacht.

Es gibt Fledermäuse, glaube ich, die altruistisch sind. Aus irgendwelchen Gründen steht in ihrer DNA, dass sie hilflosen anderen Fledermäusen das Blut ihrer Beute in den Mund laufen lassen sollten, und deswegen tun sie das. Obwohl es in der Wildness eigentlich darum geht, zu überleben, „egoistisch“ zu sein, und Kinder zu machen, gibt es verschiedene Tiere, die tatsächlich genetisch dazu veranlagt sind, sich in bestimmten Situationen altruistisch zu verhalten, vermutlich, weil das Wohl der Gruppe über dem Wohl des Individuums steht.

Was uns Menschen am Meisten von Tieren unterscheidet, ist wohl die Tatsache, dass wir vor ihnen planend denken konnten. Wir haben uns weiterentwickelt, und sind an einem Punkt angekommen, an dem wir Medien brauchen, die uns beibringen, dass romantische Beziehungen und private Welten, Familienleben, etc. das Ultimo sind, denn ansonsten gäbe es für die Wenigsten noch Gründe, Kinder zu kriegen. Sicher beweise ich gerade, wie klein mein Weltbild ist, denn es gibt Länder und Menschen, die das ganz anders sehen, aber wenn ich mich richtig erinnere, waren Menschen früher nicht ganz so abhängig und geradezu besessen von der Idee, ihren Seelenpartner zu finden, und nicht in der Anonymität des 21. Jahrhunderts in Vergessenheit zu geraten.

Ich erkenne in mir selbst immer wieder ein starkes Rudeldenken. Obwohl ich Menschen gegenüber aus Gründen loyal bin, ist diese Loyalität ab irgendeinem Punkt beinahe konditionslos. „Ich liebe dich, also halte ich zu dir, bin für dich da, lüge für dich, klaue für dich, begehe nicht Selbstmord für dich.“ Alle paar Monate reflektiere ich eventuell, ob diese Loyalität weiterhin relevant ist; ob wir uns nicht zu sehr in verschiedene Richtungen entwickelt haben (und damit meine ich, Richtungen die nicht mehr ansatzweise zueinander passen), aber in der Regel ist mein Rudel eben mein Rudel. Aber da ich auch ein Mensch bin, deswegen also chronisch unzufrieden, möchte ich ein größeres Rudel haben, und eine Position innerhalb des Rudels, die nur mir gehört, die mich unersetzlich macht. Eine kleine Garantie, dass der Rest der Mannschaft mir gegenüber lang genug loyal bleibt, damit ich Zeit habe, zu erkennen, dass er es nicht mehr ist. – Außerdem bewegt man sich ja in verschiedenen Kreisen, braucht Kontakte, baut Freundschaften auf, erweitert sein Netz, jagt zusammen mit anderen Rudeln, und alles wird immer komplizierter.

Der Grund, wieso wir Kindern Unschuld zusprechen ist nicht ihre Unschuld, sondern ihre Ignoranz. Sie wissen i.d.R. nicht, dass sie der Tante da gerade das Herz gebrochen haben, oder dass es nicht klasse ist, die Wände mit Wachsmalstiften zu bemalen. Und so ähnlich denken wir auch von Tieren: Instinkte, kein mit uns vergleichenswerter Verstand, younameit.

Nur bin ich, trotz meiner momentanen Ähnlichkeit zu einem Reh (man muss immer ein paar mm warten, bis man kaltwachsen darf), kein „Tier“, sondern ein Mensch. (Ja, der Mensch ist ein Tier..) Und ich kann mein Mitgefühl nicht mitteilen, indem ich meinem „Rudel“ Blut in den Mund laufen lasse. (Zumal ich nicht weiß, ob ich mir nicht irgendwelche ansteckenden Krankheiten vom Schulklo eingefangen habe.)

Als Depressive bin ich es eher gewohnt, dass Andere nicht genau wissen, was sie sagen dürfen, können, sollten, und was nicht. Ich bin sogar ziemlich dankbar, dass es Menschen gibt, die sich genug interessieren, um darüber nachzudenken, was eventuell angebracht sein könnte, falls. – Immerhin bin ich die Freundin einer Depressiven, und die Tochter einer bipolaren Angstgestörten, und befinde mich ab und an in Situationen, in denen ich nicht genau weiß, was ich sagen soll, weil es einfach nichts zu sagen gibt. – Man sollte meinen, da ich ebenfalls betroffen bin, wüsste ich, was angebracht wäre, aber das stimmt nicht. Ich weiß es ganz und gar nicht. Soll ich sie umarmen? Soll ich sagen, dass es wieder gut wird? Soll ich nur zuhören und nicken? Soll ich Schokolade vorbeibringen? Hab ich vor Wochen mal etwas Ähnliches gemacht, und wie hat mein Gegenüber reagiert? Auch dann, heißt das, dass die Person erneut so reagieren wird?

Und ich weiß es ganz ehrlich nicht.

Es kotzt mich an, nichts machen zu können. Egal, ob es um Depressionen geht, oder R.s Liebeskummer, oder die hysterischen Anfälle meiner Schwester. Es macht mich traurig, und ich hab einen Druck auf der Brust (offensichtlich ist der Druck sehr groß.. ich spür ihn mehr links, und meine linke Brust ist slightly bigger. /fail) und kann nichts machen.

Der Gedanke, dass es dem Anderen gerade schlechter geht, als mir, obwohl es mir schon schlecht genug geht, ist erdrückend. Es gibt keine richtigen Reaktionen, und man möchte den Anderen wissen lassen, dass man mitfühlt, und er nicht alleine ist. Dass es einem Leid tut, was passiert ist, und man sich wünscht, es wäre nicht so gewesen. Aber es ändert einfach nichts. Egal, wie ich es verpacke, es klingt nie richtig, und das stört mich. Ich weiß einfach nicht, was ich tun soll, wenn mir jemand sagt, dass sein Hund gestorben ist, oder seine Tante Brustkrebs hat, oder seine Eltern sich scheiden lassen werden. Was soll man da bitte machen?

Denn wenn ich Dinge mitteile, dann nicht, weil ich eine aktive Reaktion auf meine Gefühle möchte. Natürlich freue ich mich über Reaktionen, aber Dinge zu hören wie „Es tut mir so Leid für dich“.. Doch, vielleicht. Ich weiß es nicht. Das ist so unbequem, und ich schließe mich an, wortmagie. Wenn man nur ein Superheld sein könnte. Ein Superheld, der den emotionalen Verdauungsprozess in den Schnelldurchlauf schaltet, dementsprechend innerhalb weniger Sekunden Menschen dazu bringt, einmal wirklich Schmerzen zu haben, und danach darüberhinweg zu sein. Nicht die Schmerzen wegnehmen, denn sie haben ihre Berechtigung.. Sie sind notwendig. Aber irgendwas ist’s doch auch genug.

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8 Kommentare zu „#54 The irony is not lost on me.

  1. Rudel empfinde ich als schwer erträglich in ihrer Erwartungshaltung untereinander. Und wie jeder insgeheim durchrechnet, ob es noch in die gleiche Richtung geht, ob es vielleicht Zeit ist, das Rudel zu wechseln? Dass Du depressiv in Deinem Zimmer hockst und somit „da“ bist für Deine Mutter, ist vielleicht schon mehr als genug. Andere 19-jährige planen im Nachtleben längst, bloß noch am Wochenende auf einen Sprung Zeit zu finden für ihre Mutter, investieren sich längst in einen „Seelengefährten“. Diese Hörigkeit der meisten Menschen gegenüber ihrem Wohlbefinden, ihrem „Glück“ macht sie sowas von unberechenbar, dass es mich grausen würde, dort Hilfe finden zu müssen. Heute noch ganz Ohr, morgen am anderen Ende der Stadt verliebt, „bis über beide Ohren“. So kann doch niemand gesund werden. Ich glaube, dass viele Mütter, Töchter, Freundinnen sich gegenseitig verraten würden für einen Mann, der ihnen das Blaue vom Himmel verspricht. Jede Arie Trost wird da zur reinsten Ironie, die sich einem aber erst Jahre später erschließt. Etwa das Reh, das solche Angst davor hatte, verlassen zu werden, dann jedoch ein richterliches Kontaktverbot durchsetzt. Da klingen die Treueschwüre von einst ziemlich ironisch, finde ich. Den Rest besorgt der von Dir bereits angedeutete Totschläger, dass Menschen sich eben entwickeln. Viel Glück noch beim Rudelleben!

    1. „Rudel empfinde ich als schwer erträglich in ihrer Erwartungshaltung untereinander. Und wie jeder insgeheim durchrechnet, ob es noch in die gleiche Richtung geht, ob es vielleicht Zeit ist, das Rudel zu wechseln? (..)“ Ohja. Wie gesagt.. The irony is not lost on me.

      Diese obsessive Suche nach dem Seelenverwandten, und die Tatsache, dass man sich deswegen zum Schluss auf niemanden verlassen kann, ändert aber nichts daran, dass ich dennoch unzulänglich bin. Genauso wenig verändert doch der ekelhafte Geschmack von Schafskäse etwas daran, dass mancher Rosenkohl aus dem Glas wie Katzenpisse riecht.

      1. Wärest Du zulänglich, würde sich der Schmerz Deiner Mutter, dass Dein Zimmer in absehbarer Zeit leer sein wird, vielleicht ins Unerträgliche steigern.
        Falls Ihr einen Ausflug an die Ostsee plant: ich habe hier einen PC, den Du gerne mitnehmen kannst. Allerdings bloß Windows XP und leistungsschwach wie ein Netbook. Mittlerweile ist es ja bereits so, dass ich 80% via Handy oder iPod touch erledige.

        1. Wieso sollte mein Zimmer leer sein? Sterbe ich bald? O.O

          Oh, Ostsee. Hab ich das erwähnt, kannst du Gedanken lesen, oder kennst du meine Mutter? :o

          Hab irgendwie noch nie irgendwas Internet-iges mit Handy erledigt. Kostet das nicht hundsviel? Oder war das nur vor 2000 so? XD Gott..

          1. Na, neben dem Führerschein wollen viele Jugendliche doch am liebsten gestern noch in die eigene Bude. Mit 24 musste ich mich jedenfalls ziemlich rechtfertigen, noch „bei Mutti“ zu leben. Obwohl es so cool war: voll verdient, aber musste kaum etwas abgeben und Kühlschrank immer voll. Wusste gar nicht, wohin mit dem ganzen Geld.
            Nein, von der Ostsee hast Du nichts erwähnt, reist ihr bald dorthin?
            Ich habe mir zwei Smartphones „frei“ gekauft, und prepaid eine Flatrate von O2 und Vodafone für je 15 Euro. Und der iPod empfängt via WLAN.
            So, Mittagspause vorbei. Nach Feierabend ist hoffentlich Zeit für Deinen neuesten Blogeintrag.

  2. „Aber irgendwas ist’s doch auch genug“ Genau DAS meine ich. Ich hab immer diesen Gedanken „Was kommt als nächstes?“. Und es ist nicht so, als würde ich mich auf irgendetwas freuen. Soll es ja auch geben. Es ist schon sowas wie eine Angst. Oder besser gesagt, Akzeptanz.
    So, nach dem Motto: „Ich weiß, dass mir wieder irgendeine Scheiße um die Ohren fliegt, also lass es uns hinter uns bringen.“ Aber eine kleine Pause wäre wirklich mal schön…

    1. Darüber reden meine Mama und ich oft. Eigentlich sagen das unendlich viele Leute oft. So viele Leute, dass ich das Gefühl habe, dass ich vielleicht zu der Gruppe gehöre, die mich nervt: Die, die eigentlich gar nichts haben. (Und dieser Gedanke nervt mich, weil man das Leid anderer einfach mal nicht messen sollte.. Außer, wenn man es eben doch.. und gleichzeitig.. Aaasdkljashdk)

      Wie dem auch sei, auf Pausen!

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