#25 You say I’m crazy. I got you crazy.

Manchmal gibt es Momente, in denen ich grundlos in mich zusammenfalle und einfach nur schreien möchte. In denen ich mich kraftloser fühle als sonst und in Relation gesehen schon beinahe komödiantisch, oder in denen ich einfach wütend bin. – Früher konnte ich das noch auf die Pubertät schieben, aber die ist ja auch irgendwann vorbei, und da ich nur alle drei Monate menstruiere, möchte ich meinen, dass das kein PMS ist. (Hey, war das TMI? ;p)

Viele dieser Mental Diseases Awareness-Flyer sagen „One of three people went through an episode of depression in their life“ und jedes Mal möchte ich schreien, denn auch wenn ich glaube, dass jeder Mensch mal wirklich traurig oder launenhaft oder launenlos war, wenn ich weiß, dass fast jeder Mal in einer Episode war, in der er nicht mehr aufstehen wollte, dann muss es doch einen Unterschied geben, zwischen dem, was ich habe – was Depressive haben – und was der Normalmensch hat.

Denn ansonsten würde der Normalmensch nicht sagen, ich müsse nur einmal mehr rausgehen.

Vielleicht liegt es daran, dass meine Therapeutin nun einmal nicht Psychologie sondern Pädagogik studiert hat, und für Kinder und Jugendliche, nicht für Jugendliche und Erwachsene. Vielleicht bin ich maßlos von mir selbst überzeugt, wenn ich meine, jemanden zu brauchen, der eher qualifiziert ist, oder eher, wenn ich meine, dass Frau K. nicht dafür qualifiert ist, mir zu helfen.

Vielleicht mache ich es mir leicht, denn in gewisser Weise liegt es ja doch in meiner Hand, wie sehr ich mir helfen lasse, aber ich habe wirklich nicht das Gefühl, dass dem so ist.

Frau K. meint oft, dass es Gründe für Depressionen gibt und ich bin mir sicher, dass dem so ist, aber ich habe mittlerweile nicht mehr das Gefühl, dass irgendwelche äußeren Einflüsse mitverantwortlich für meine derzeitige mentale Instabilität sind. Ich glaube nicht, dass mir Reden hilft. Zumindest nicht mir ihr.

Vielleicht haben bestimmte Situationen dafür gesorgt, dass ich schon seit meiner Kindheit (leichte) depressive Phasen hatte, aber je mehr ich reflektiere, desto mehr bin ich davon überzeugt, dass es mittlerweile biologisch ist, und nicht psychologisch. Natürlich kann ich von Außen einwirken, kann versuchen, mich durch bestimmte soziale Aktivitäten dazu zu bringen, bessere Laune zu haben, auf meiner emotionalen Sinuskurve im positiven Bereich zu bleiben. Aber all diese Dinge halten mich nicht davon ab, trotzdem wieder in den Negativbereich zu kommen.

Wenn aber jede positive Situation einen tieferen Fall bedeutet, dann kann ich es mir nicht verübeln, wenig Interesse an übermäßig positiven Situationen zu haben, zumal die wenigsten Situationen, die angeblich positive Auswirkungen haben, sich in geringster Weise positiv anfühlen.

Ich hab einmal gelesen, dass es im Gehirn eine Kortex gibt, die dafür verantwortlich ist, ob wir reward-seeking sind oder nicht. Dass es irgendwo direkt hinter unserer Stirn einen Bereich gibt, der aussagt, wie flexibel wir sind.

In der (klassischen?) Konditionierung geht es, glaube ich, darum, dass man die Testperson üblicherweise durch positive oder negative Reaktion ein Verhalten an- oder abtrainiert.

Soweit ich mich erinnere, sind Jugendliche und junge Erwachsene generell flexibler und aufmerksamer. Lernfähiger. Sie beobachten mehr und versuchen, durch ähnliche Handlungen ähnliche Resultate zu erzielen. Sie passen sich Situationen besser an, selbst, wenn diese Anpassung im Widerspruch zu ihrer eigentlichen Persönlichkeit stehen. Verschiedene Stimuli können einmal (wiederholte oder) ausgeübte Handlungen erneut hervorrufen.

Worauf ich hier hinaus will:

Natürlich haben mich äußere Einflüsse zu der Person gemacht, die ich bin, und somit nicht nur aktiv, sondern auch passiv ihren Teil beigetragen. Aber ich denke, dass es nicht möglich ist, diesen Effekt umzukehren, indem man die Methode umkehrt. Man kann auch keinen Kuchen „entbacken“.

Natürlich gibt es teilweise Ursachen und Auslöser, die zu meiner Depression beigetragen haben, aber einmal sind diese so tief in mir verankert, und andererseits hat ein langer Prozess dazu geführt, dass man damals noch flexibleres Gehirn sich bestimmte Denkweisen antrainiert hat, dass es eine geringere Dosis an Hormonen aufnimmt oder aussendet, dass es das macht, was Gehirne eben in ihrer Freizeit so tun.

Sicherlich ist es irgendwie möglich, durch Medikamente und Therapie und viel Arbeit, daran zu arbeiten, aber die Frage ist doch, warum ich das tun sollte. Natürlich bin ich unzufrieden, aber ich hab auch meinen Krankheitsgewinn, und vor allem hatte ich viel Zeit, um mir das Leben anderer Leute anzuschauen und zu dem Urteil zu kommen, dass ich kein Interesse daran habe.

Es fehlt mir der Ansporn, um gesund genug zu werden und Arbeitsameise zu gelten; um Teil einer Masse von Vollidioten zu sein und das T-Shirt zu tragen, das mich als solchen deklariert. Es geht mir nicht einmal darum, dass ich arbeiten müsste (was ich schlicht nicht schaffe, Punkt.), sondern dass ich nicht verstehe, warum.

Würde es darum gehen, dass ich meinen Beitrag leisten soll, dann könnte ich wohl anfangen, mich mehr mit Informatik und Webdevelopment zu beschäftigen, bis ich damit ein wenig Geld verdiene, aber wenn ich auf dem Balkon sitze und in meiner unendlichen Weisheit reflektiere, was es bedeutet, Mensch zu sein, dann finde ich keine Antwort, die mich irgendwie zufriedenstellt oder dazu bringt, mich wirklich zu engagieren.

Ja, dann schmeckt mir Essen eben nicht. Ja, dann hasse ich mich vielleicht. Ja, dann macht mir eben nichts mehr Spaß.

Aber wird das besser, nur weil ich nicht mehr arbeitsunfähig bin?

Und ich bin an einem Punkt angekommen, an dem ich realisiere, dass das alles ist, was Frau K. zu erreichen gedenkt.

Ich korrigiere mich hier also. Es ist nicht so, dass ich nicht gesund sein möchte – da bin ich mir noch nicht sicher, denn mittlerweile ist krank sein, alles, was ich kenne – sondern so, dass ich weiß, dass es nicht funktioniert, so wie es meine Therapeutin geplant hat.

Aber ich sehe auch nicht, wie irgendetwas anderes helfen könnte, eben weil ich nicht mehr sehe, wie all das bitte in meiner Hand liegen soll.

Wenn ich scheinbar grundlos anfange, schreien zu wollen, dann kann es nur mit meinem Körper zutun haben. Damit, wie mein Gehirn mittlerweile funktioniert. Damit, dass irgendwelche Impulse ohne offensichtlichen Auslöser gesendet werden.

Und um dagegen etwas zutun, braucht es mehr, als nur reden und spazieren gehen.

Mittlerweile könnte ich aus all den Artikeln hier vermutlich ein Buch machen. Oder vielleicht auch nicht, denn es scheint, ich wiederhole mich immer und immer wieder. v_v

In kurz: Psychische Krankheiten beeinflussen uns auch körperlich, und zwar auf Ebenen, die es schwer machen, nur durch ein paar Elontril und 100 Minuten Therapie pro Monat irgendetwas zu ändern. Wer was anderes sagt, kann mich mal, denn er war offensichtlich noch nicht in dieser Situation.

.. Argh. Hab was Wichtiges vergessen. Ich sollte mir in Zukunft Stichpunkte machen, bevor ich hier anfange, zu schreiben. oô

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Veröffentlicht von

Patricia

People I know started following me. This is getting too real.

5 Gedanken zu „#25 You say I’m crazy. I got you crazy.“

  1. Der Kern von Kafkas „Hungerkünstler“ und damit wohl auch von Kafka selbst ist, dass er hungrig war wie jeder Mensch, aber auf Erden nichts gefunden hat, was ihm schmeckt.
    Unter den Augen von Kafkas Hungerkünstler ergab das Leben tatsächlich wenig Sinn. Vor allem aber vielleicht, weil diese Abneigung auf Gegenseitigkeit beruhte: Nur wenige Frauen begeisterten sich für Kafka. Selbst die herbe Tippse Felice Bauer verlobte sich wohl mehr mit Kafkas gesicherter beruflicher Stellung, während sie seine Briefflut über sich ergehen ließ, wie viele Frauen die sexuellen Vorlieben ihrer Familienvorstände.
    Und Kafka war eben feinfühlig genug zu erkennen, dass es auf Erden wohl keiner Frau wirklich Laune macht, sein Sperma im Gesicht kleben zu haben, dass wohl kein Schwein sich begeistert abschlachten lässt, ihm als Tischzeit zu dienen.
    Daher der Hungerkünstler, daher solch ein Unglück, wo jeder sonst zufrieden in der Sommerfrische döst.
    Hingegen radikales „Love Bombing“ von Glaubensgemeinschaften regelmäßig dazu führt, dass „Deprogrammierer“ engagiert werden müssen, vielleicht die Tochter zurück zu gewinnen, die alle Brücken hinter sich abgebrochen hat, und nun auf einer Farm in Kansas hinter Stacheldraht nach den Zehn Geboten lebt.
    Wäre ich Leiter der Hauptabteilung Aufklärung der DDR-Staatssicherheit, stünde Morgen schon ein „Romeo“ vor Deiner Tür und eine Clique attraktivster junger Menschen, die Dich mit solch einer Zuwendung in ihrer Mitte aufnehmen, dass Dir Hören und Sehen vergeht, dass Du vor lauter tollen Aktivitäten gar nicht mehr zum Denken kommst: „Du bist der Mensch, auf den wir gewartet haben!“
    Zumindest das Rauchen wirst Du umgehend einstellen, so bald Du merkst, dass niemand von diesen attraktiven Menschen, die Dich so sehr lieben, die so sehr für Dich da sein wollen, raucht.
    Und wenn die Augen Deines Romeos vor Glück leuchten, sobald er von der Feldarbeit in Kansas schwärmt, von dem frisch gebackenen Brot, wie abends alle gemeinsam am Tisch sitzen, es singend und lachend zu teilen, kannst Du Dir vielleicht schnell eine Existenz als Feldameise vorstellen.
    Deiner Depression mit einer Verarsche wie der „Truman Show“ beizukommen, für diesen Versuch würde ich mich als leidenschaftlicher Wissenschaftler am Ende gerne wegsperren lassen wegen eines Verbrechens gegen die Menschlichkeit.

  2. Ich glaube, dass ist der mit Abstand „schönste“ Artikel, den ich bisher von dir gelesen habe. Oder sagen wir interessant und beeindruckend, nicht „schön“.

    Ich bin und werde wohl immer undiagnostiziert sein. Daher kann ich nach wie vor nicht wissen, was ich habe oder haben könnte, wie es dir geht, was in dir vorgeht, wie du dich fühlst etc. Ratschläge möchte ich erst recht keine geben.

    „Denn ansonsten würde der Normalmensch nicht sagen, ich müsse nur einmal mehr rausgehen.“
    Ich glaube, den Satz haben wir beide schon einmal diskutiert, denn er tauchte bei mir auch schon einige male auf.
    Mir kam auch oft die Frage „Warum sollte ich das tun?“. Vielleicht ähnlich wie bei dir.

    Was ich aber vollauf verstehen kann ist, dass du nicht mehr siehst, wie eine „Besserung“ in deiner Hand liegen sollte. Ich weiß ja nicht, wie lange Frau K. und du schon miteinander zu tun haben, aber wenn du immer öfter den Gedanken hast, dass sie bzw ihre Arbeit nicht der Ausweg ist, den ihr beide sucht, dann wird dort wohl schon etwas dran sein.

    Um den wenig bis gar nichts sagenden Kommentar abzuschließen: Solltest du das alles hier wirklich in Buchform bringen wollen, biete ich mich gern an, ein Einzelstück zu binden. Für irgendwas muss meine Ausbildung ja gut gewesen sein. ;-)

    Mit freundlichen Grüßen, dein immer noch treuer Leser,
    wortmagie ;-)

    1. Und dabei fand ich den Beitrag mit dem riesen Gummiwurm noch so viel schöner. ;D (Dankeschön. v/////v )

      Ja, das haben wir schon einmal irgendwo besprochen.. Ich glaube, das war ein Artikel, unter dem auch scharfkontruiert kommentiert hatte, aber da bin ich mir nicht ganz sicher.

      Das „Warum sollte ich das tun?“ ist wohl der Punkt. Es ist ja nicht nur so, dass es zum Krankheitsbild gehört, sich nicht vorstellen zu können, in wieweit rausgehen nun helfen soll, sondern so, dass man doch (auch als nicht Depressiver) aus Erfahrung berichten kann, dass es nichts bringt außer evtl. Enttäuschungen oder Resignation. „Ich habs versucht, es hat nichts gebracht, das mach ich nicht noch einmal.“ und dass man quasi dazu gezwungen wurde, hilft erst recht nicht. (Im Gegenteil bin ich eher dazu bereit, es noch einmal zu versuchen, oder erlebe bestimmte Situationen als positiver, wenn ich mich selbst dazu entschieden habe, nur für mich und weil ich genau in dem Moment das Gefühl hatte, dass ich gerne etwas tun möchte. Selbst, wenn es dann schlecht läuft, ist die Wahrscheinlichkeit, dass ich es noch einmal versuche, bedeutend höher als wenn es von Anfang an nichts war, woran ich Interesse gehabt hätte.)

      Wenn Menschen einem nicht mal vertrauen, simple Entscheidungen zu treffen, die auch noch Privatsache sind, die nur mit unserer eigenen Psyche zutun haben, oder diese Entscheidungen nicht respektieren und immer wieder dasselbe sagen, dann stellt sich für mich die Frage, ob wir in so vollkommen verschiedenen Realitäten leben, dass sie einfach nicht verstehen KÖNNEN, dass ich es in diesem Fall nun mal besser weiß. – Wurde dir nicht regelmäßig vorgeschlagen, zu daten? Oder immer wieder gesagt, dass es besser wird oder es noch andere Weiber gibt oder was auch immer? Ich glaub, das ist sogar etwas, wo sich noch mehr Leute hineinversetzen können. (Was traurig ist, auf so vielen verschiedenen Ebenen..)

      Hab ja in ein paar Stunden Termin bei Frau K. (bei der ich seit 2 Jahren? oder so bin) und überlege, wie genau ich ihr erklären soll, dass ich gerne wissen möchte, was IHRE Ziele sind in dieser Therapie, denn ganz offensichtlich haben wir verschiedene: Für sie ist es ein Job, aber *melodramatische Pause mach* für mich ist es ja nun mal mein Leben. o_ô

      (Feiere mich grad selbst auf diesen unglaublich schönen Satz, sorry.)

      Ouuh, falls ich jemals ein Buch schreibe, werde ich dich dann wohl stalken, bis es in physischer Buchform bei mir landet! :< ;D

      1. Gestalkt zu werden habe ich schon hinter mir, aber in diesem Fall würde es mir nichts ausmachen ;-)

        Du hast es auf den Punkt gebracht. Mir wurde gesagt, ich solle rausgehen, andere Frauen kennen lernen (andere Mütter haben auch hübsche Töchter, etc.). Die Tatsache, dass es für mich einfach keine anderen Frauen gab, wurde vollkommen außer Acht gelassen. Mir selbst war vollkommen bewusst, dass es mir mehr schadet als alles andere, nur war es so, dass es nicht so wirklich meine Entscheidung war.

        „I’m in love with all the things I know I should resist.“

        Ich habe in einem Gespräch einmal von mir erlebten Ereignissen berichtet, die durch dieses „raus gehen und andere kennen lernen“ entstanden sind. Und es war kein freiwilliges raus gehen. Und was mir dann immer als mangelndes Selbstbewusstsein unterstellt wurde, wurde zumindest von dieser Gesprächspartnerin endlich als Erfahrung akzeptiert. Es wurde nicht verstanden, warum ich nicht raus gehen möchte, erst recht nicht, wenn man mich dazu drängen will. Ich sah schlichtweg keinen Grund dazu. Denn selbst wenn ich jemand kennen gelernt hätte, mich vielleicht sogar ein weiteres mal verabredet hätte, hätte sich nichts geändert. Denn es war schlichtweg kein Platz für jemand anderes und ich war sehr damit beschäftigt, es irgendwie zu schaffen, erstmal Platz frei zu machen. Dieser Prozess zog sich über 7 Jahre dahin. Und irgendwie schien ich als einziger wirklich meine Herangehensweise an dieses Problem zu begreifen.

        Hatte das jetzt wirklich Bezug auf das, was du geschrieben hast? Ich weiß es nicht, aber es ist noch so früh und ich bin so furchtbar müde. Ich drücke dennoch die Daumen, dass deine Frage nach den Zielen von Frau K. irgendetwas positives gebracht hat.

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