#23 Inhibitions

Den meisten Menschen ist durchaus bewusst, dass Inhibitionen – ist das ein deutsches Wort? – Ursachen haben und dass es meist Anlässe dafür gibt, warum wir uns weniger gehemmt verhalten. Alkohol, Müdigkeit, Katze überfahren. Das Übliche.

Always.

Ich habe mitbekommen, dass ich hier vor allem dann schreibe, wenn ich müde oder aufgrund irgendwelcher anderen Ereignisse sehr emotional bin. Weniger Hemmungen führen dazu, dass ich mich überwinde, hier zu schreiben. Natürlich spielt eine ordentliche Dosis Narzismus auch ihre Rolle, aber darüber sprechen wir wann anders..

Mittlerweile stinkt mich dieser „Hinterfrage dich selbst, Patricia“-Prozess ja doch etwas an, aber gleichzeitig muss ich zugeben, dass er ab und zu sogar bedingt hilfreich ist. Entweder, weil ich dann genau weiß, welche Themen ich meiden kann, um zukünftigen Psychosen eine stabile Grundlage zu bilden, oder, weil ich realisiere, dass gewisse Probleme klein genug sind, um sich für einen kurzen Zeitraum damit auseinanderzusetzen.

Dementsprechend laufen viele meiner Gedankengänge so ab – Nein, tun sie nicht. Ich denke irgendwie viel in Bildern, Tönen und so weiter, aber wären es nur Worte, dann! –

„Ieh, Fifty Shades of Grey.“ – „Wieso ‚Ieh‘? Hast du doch gar nicht gelesen.“ – „Aber die Tampon-Szene, von der Stephanie mir erzählt hat!“ – „Na und? Trotzdem könntest du aufhören, Ieh zu sagen. Manchen Leuten gefällt es eben.“ – „Und wieso versuchst du, so zwanghaft, mich dazu zu bringen, nicht Ieh zu sagen?“ – „Weil ich weiß, dass es mich stört, wenn Leute Ieh über Bücher sagen, die ich mag.“ – „Oh. Trotzdem finde ich den Gedanken eklig.“ – „Solltest du es nicht vielleicht trotzdem selbst lesen?“ – „Aber wenn ich mir jetzt schon sehr sicher bin, dass es mir nicht gefallen wird, und dann danach eine negative Rezension auf Amazon veröffentliche, obwohl mir davor bewusst gewesen ist, dass die Wahrscheinlichkeit gering ist, das Buch zu mögen? Zudem kostet das ebook auch 6 Euro, und ich könnte stattdessen noch einmal Chasing Magic* lesen.“ – „Aber eventuell gefällt es dir ja. Also gibst du die Chance auf, etwas zu lesen, das wundertoll sein könnte, nur weil…“

Und so geht es weiter. Dann geht es plötzlich darum, dass ich Zeit verschwende, dass ich nie etwas mache, dass ich Angst vor Veränderung hab, dass ich Angst habe, zuzugeben, dass mir das Buch gefallen könnte, weil ich Angst habe, dass andere Menschen mich dafür beurteilen könnten, dass ich unglaublich egozentrisch bin, weil ich annehme, dass es überhaupt irgendjemanden interessiert, dass..

In kurz: Es hört nie auf.

(Übrigens hab ich vorhin Fifty Shades zu Ende gelesen und werde nicht mal auf Readability oder so eingehen. Ich kann mir vorstellen, dass vielen Leuten das Buch gefallen wird/hat. Aber: Irgendwie finde ich es etwas dreist, wie die Autorin den ‚Helden‘ als psychotisch darstellt und damit seine sexuellen Vorzüge erklärt. Aber gut. Vielleicht sind ja alle, die nicht Vanilla wollen, psychisch abgefuckt und wollen eigentlich, tief in ihrem Innern, genau das: Vanilla. Haben nur noch nicht die Eine gefunden, mit der sie es wollen und so weiter und sofort. Argh. Yuck.)

Wenn ich aber Gedankengänge im Nachhinein wiederverfolge, dann breche ich manchmal an einem bestimmten Punkt ab. Im Fifty-Fall hab ich irgendwann erst einmal realisiert, dass ich Probleme damit habe, weil ich selbst Probleme damit habe, von anderen gesagt zu bekommen, dass Dinge, die mir wichtig sind, grenzwertig ankommen. Danach hab ich aber auch erkannt, dass es doch eigentlich kein Verbrechen ist, sich selbst nur zu denken, dass man ein Buch nicht mochte, solange man anerkennt, dass es anderen Menschen trotzdem gefallen darf.

Irgendwann, oder vielleicht auch schon immer, habe ich angefangen, aus kleinen Dingen, große zu machen und dabei die kleinsten Ausläufer so zu kritisieren, wie es in Relation gesehen wirklich keinen Sinn mehr macht, nur, weil ich sie mit einem Charakterzug, den ich wenig schön finde, assoziiere. Und ungefähr da wurde mir auch bewusst, dass es tatsächlich notwendig für mich ist, Dinge zu hinterfragen, die ich tue und denke, weil es mir im Nachhinein unangenehm ist, etwas getan zu haben, wovon ich, hätte ich solang darüber nachgedacht, wie es das verdient hat, eigentlich weiß, dass es unnötig und sogar ungewollt ist.

Siehe da, positive Entwicklung. Richtig? Oder nicht?

Jedenfalls überlege ich jetzt, inwieweit es mir etwas bringt, zu wissen, wann ich weniger Hemmungen habe. Ich schaffe es nur dann, hier wirklich zu schreiben, wenn ich müde bin, was ja ein Zeichen ist. Gleichzeitig habe ich aber auch genau in den Momenten die schlimmsten Diskussionen Streitereien.

Bringt es mir etwas? Weiß ich jetzt, dass ich nur müde raus gehen sollte, weil ich dann eventuell eher mit Menschen spreche? Oder bringt es mir nichts, weil ich weiß, dass ich eigentlich nur viel aggressiver und schlechter gelaunt bin? Ist es eher so, dass ich, wenn ich müde bin, meine negativen Gefühle offener zur Schau stelle und genau deswegen hier schreibe? Weil ich selten irgendetwas Positives teile?

Bringt es mir also zumindest derzeit, was mein soziales (lies: nicht vorhandenes) Leben, nichts? Abheften unter Memo an mich selbst?

Und beinahe vergessen.. Das kauf ich mir:

* Nothing compares to you, Chasing Magic. Nothing compares too youu.

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Veröffentlicht von

Patricia

People I know started following me. This is getting too real.

Ein Gedanke zu „#23 Inhibitions“

  1. „Ich habe Dir nie einen Rosengarten versprochen“, hieß das Buch, das ich irgendwann in den 1990ern mal angelesen habe. Die Heldin litt unter ihrer versponnenen Innenwelt, mit Meistern und Chören, welche befriedigt sein wollten.
    Keine Schande eigentlich, wenn ich bedenke, welch komplexe Rituale mach Religion ihren Anhängern abverlangt.
    Sicher herrscht dort häufig eine Gedankenpolizei, über innere Reinheit zu wachen. Endlose Waschungen, all der „schmutzigen“ Regungen Herr zu werden.
    Wer es handgreiflicher mag, reibt sich am anderen Geschlecht. Ein Nachbarsgör, das in Tagebüchern zum Messias hochgeschrieben wird: „Käthchen Ittners Untenrums Handtüchlein“, in das der junge Stefan Heym liebend gerne sein Gesicht gepresst hätte. Und ein sehr bekannter Prinz wünschte sich, der Geliebten Tampon zu sein.
    Nicht unbedingt die Krönung der Schöpfung. Wohl jede Hundeschnauze ist sensibler für Gerüche.
    Nur gibt der Hund eben viel weniger darauf, weil er wohl ahnt, in unserer Gesellschaft bloß den Rechtsschutz eines Gegenstandes zu besitzen, trotz seiner uns weit überlegenen Sensibilität.
    Was wiederum meiner Wahrnehmung entspricht, die sehr vom Holocaust bestimmt wird: Wo überall auf der Welt Menschen achtlos geschändet und abgeschlachtet werden, fällt es mir schwer, meinem Gefühlshaushalt Gewicht zu geben.
    Wenigstens mag ich mich nicht an Romanfiguren abarbeiten, während um mich herum scharf geschossen wird.
    Da ich während meiner Zeit bei der Bundeswehr keine Waffe richtig anfassen mochte, versuche ich mich seither an „Mindbombs“: Herausbrechen möchte ich Menschen aus ihrem Dahinleben, wie ich selbst wieder und wieder herausgebrochen sein will. Lieber sterbe ich als ein Gebrochener, als als das eingesponnene Beutetier meiner Welt.

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