#20 Almost made me think that I need this, too.

Bevor ich anfange, mich über die Welt aufzuregen, erst einmal, wieso ich das nun genau jetzt mache; außerdem, und das geht hier nur an die zukünftige Patricia, die den Text irgendwann eventuell in einer ihrer narzistischen Phasen lesen wird, und über meine(ihre) Dummheit weinen: Ich weiß, dass das hier nicht komplett ist, dass es andere Menschen ankratzen könnte, dass du sicher schon wieder anders darüber denkst als ich gerade, dass ich mich mehr mit Themen beschäftigen sollte, bevor ich etwas loslasse. Ich weiß. And I don’t give a fuck.

J. und ich hatten vor Kurzem ein Gespräch darüber. Eine andere J, aus den USA, hat ebenfalls mit mir darüber gesprochen, wenn auch viel weniger ausführlich, weil uns auffiel, dass es viele sehr gute Bücher gibt, die traurig enden, weil alles andere zu kontrovers, zu dysfunktional, zu ungesund, zu schrecklich wäre, und nicht, weil es einfach nicht anders geht, als das Buch so enden zu lassen.

Nachdem meine externe Festplatte abgestorben ist, konnte ich gerade mal 3GB an Musik retten, unter anderem zwei oder drei Songs von Sara Bareilles.

You and your twisted words. Your help just hurts. (..)

Convinced me to please you, made me think that I need this to.

Ich nehme mich nicht davon aus, wenn ich sage, dass die meisten Menschen ein gewisses Bild davon haben, was „gesund“ ist. Was eine gesunde Persönlichkeit ausmacht. Glück ist ein so abstrakter, ungreifbarer Begriff, dass es einfacher ist, auf der Ebene „Gesund“ zu bleiben, wenn wir das Leben anderer Menschen bewerten, und wer meint, dass er nicht bewertet, der darf mir bitte in den Kommentaren mitteilen, wie genau er das schafft.

Natürlich gibt es Grenzen, aber im Grunde stellt sich die Frage, wieso wir einen ungesunden Menschen nicht ungesund lassen können, solange es ihn doch glücklich macht. Selbstreflektion ist kein toller Prozess, weswegen ich ihn selten betreibe, aber ich nehme an, es liegt daran, dass wir anderen Menschen nicht genug Kredit gewähren. (Und dieser Satz macht offensichtlich, wie wenig Deutsch und wieviel Englisch ich derzeit spreche.)

Niemand von uns kennt die Realität unseres Gegenübers, das ist mir schon klar. Kognitive Verzerrungen machen es schlicht unmöglich, aber psychisch nicht gesunden Menschen wird ein Grad von Illusion unterstellt, der ihre Emotionen in Frage stellt; und zusätzlich dazu gibt es natürlich auch Fälle, in denen wir einfach nicht mehr sagen können, dass es egal ist, wie der Mensch lebt, solang er glücklich ist, weil er eben wohl seinen Mitmenschen schadet, und somit sein Leben auch unseres beeinträchtigt.

Ich rede hier also nicht vom Alkoholiker der keinen Job mehr hat und deshalb von deinen Steuern lebt, und auch nicht von einem Pädophilen, der die Tochter oder den Sohn deines Bruders seltsam anguckt, vom Adrenalinjunkie, der eventuell deine Katze überfährt, oder der zwanghaften Nachbarin, die dir den Schlaf raubt, weil sie auch nachts noch staubsaugt.

Mir ist durchaus bewusst, dass das hier einige meiner anderen Texte oberflächlich betrachtet, kontradiktieren* widersprechen wird, aber wer genau liest, wird sicher erkennen, dass ich eine Grenze ziehe zwischen ungefragtem Bedrängen und erbetener Hilfe.

Krasses Beispiel wäre wohl Stockholm Syndrom (oder evtl. inzestuöse Beziehungen, obwohl ich die nicht als krass, sondern einfach als kontrovers betrachte) und weniger krass wäre Co-Abhängigkeit. Schaden uns diese Menschen? Klar, Ari hat Kate zum Schluss erschossen (fünfzig Punkte, wenn du wusstest, dass ich von NCIS spreche) aber das hatte nichts damit zutun, dass die beiden einander anziehend fanden, oder sie aufgrund dieser Anziehung weniger wachsam gewesen wäre. Er war einfach ein Psychopath.

Die beiden hatten keine Beziehung miteinander, aber hätten sie sich tatsächlich ineinander verliebt, nachdem er sie z.B. entführt gehabt hätte, dann wäre die Welt davon ausgegangen, dass sie Hilfe bräuchte. Es ist egal, dass es ihr mit dieser ‚Hilfe‘ viel schlechter geht als ohne, dass sie sich des Risikos tatsächlich bewusst ist, und es eingeht, weil die Zeit mit ihm es für sie wert ist. Wir alle haben unsere Defition von gesund, und glücklich hat darin nichts zu suchen. Wir gehen davon aus, dass sie so illusioniert, so psychisch instabil und gefährdet ist, dass sie es nur nicht besser weiß. Ihr Überleben ist wichtiger als ihr Leben, und sie hat, sobald sie für uns nicht mehr ‚gesund‘ ist, kein Recht, selbst Entscheidungen zu treffen.

Vor ein paar Tagen habe ich ein Video von Terry Pratchett gesehen, der darüber spricht, dass er Alzheimer hat. Terry Pratchett ist Autor. Er verdient sein Geld, indem er sich Dinge ausdenkt und lange genug daran erinnert, um sie aufzuschreiben, aber für ihn ist es eben nicht nur ein Beruf. Es ist sein Leben. Er hat über Bilanzsuizid gesprochen. Er ist nicht depressiv, aber er möchte das Recht haben, sein Leben in vollen Maßen gelebt zu haben, und dann zu sterben. Er hat mit der Ehefrau eines Mannes gesprochen, der genau das getan hat, und dann singend gestorben ist.

Aber die Person hat Alzheimer, oder ist depressiv, weil sie unheilbar erkrankt ist und weiß, dass sie sterben wird. Sie ist unseres Erachtens in einem Zustand, der über unsere durchschnittlichen kognitiven Verzerrungen hinausgeht und sie als unzurechnungsfähig erklärt. Es ist vollkommen egal, dass sich hinter der „Krankheit“ ein rational denkender, eigener Mensch versteckt, denn dieser Mensch passt nicht in unser Raster.

Jede Entscheidung, die für uns keinen Sinn macht, muss darauf hindeuten, dass die Person krank ist, dass sie illusioniert ist.

Es ist also egal, ob Kate mit Ari glücklich ist. Sie ist ja offensichtlich illusioniert, und wir müssen etwas dagegen machen, denn sie ist krank. Dass sie mit unserer Hilfe unglücklicher ist als davor, ist egal, denn sie war nie wirklich glücklich. Sie hat nur gedacht, dass sie das wäre. Sie hat sich nur glücklich gefühlt.

Sehr geehrte Welt,

fick dich,

Mit freundlichen Grüßen,

Eine, die es nicht besser weiß.

* Das Wort sollte es einfach mal auch in der deutschen Sprache geben, also werd ich es von nun an immer benutzen.

Übrigens mach ich bei der Osterei-Aktion mit.. Wer mag, kann sich’s ja mal anschauen. Ist da unten irgendwo.. ↓

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Veröffentlicht von

Patricia

People I know started following me. This is getting too real.

4 Gedanken zu „#20 Almost made me think that I need this, too.“

  1. Da die Suche vom Smartphone aus etwas mühselig ist, verlasse ich mich auf meine Erinnerung, dass Du es vor einiger Zeit als Unrecht empfunden hast, jemanden so zu manipulieren, dass er glaubt, er wäre in einen verliebt.
    Wohl keine Beziehung ohne die Arglistigkeit, weniger schokoladige Teile seiner Persönlichkeit möglichst lange vor dem anderen zu verbergen: Schmutzige kleine Halbwahrheiten, die am Ende in ein großes Schulterzucken münden, was man denn erwartet habe?
    Holen Sittenwächter also Prügel vor, Verliebtheiten als „krank“ zu verurteilen, treffen sie stets gierige, geile Fleischfresser im Sonntagsstaat.
    Zumal ja niemand dem Bruder die Liebe zu seiner Schwester abspricht. Ihm wird lediglich deren Vagina verweigert. Und hohe Gefühle, die angeblich erst unter der Gürtellinie ihre Erfüllung finden, wirken auf mich etwas weit hergeholt. Da toleriert unsere Gesellschaft eher die unbefleckte Liebe einer Braut Christi zu ihrem himmlischen Erlöser.

    1. Stimmt wohl in den Fällen, obwohl ich denke, dass es dennoch traurig ist, dass andere sich in das Sexualleben von Geschwistern einmischen wollen. Gut, Kinder zu bekommen wäre unglaublich dumm, da die Kinder ein viel höheres Risiko haben, behindert auf die Welt zu kommen, aber ansonsten?

      Nur, ich rede ja nicht nur davon. Irgendwie scheint es für uns alle viel einfacher zu sein, Dinge zu verbieten oder zumindest „Du, du!“ zu sagen, wenn etwas getan wird, das durchschnittlich öfter zu Whatever führt. Ich kann es auf der einen Seite nachvollziehen, weshalb es mich umso mehr stört, denn ganz zum Schluss sollten wir Menschen doch ihre Entscheidungen treffen lassen. Then again, seit wann kann sich die Menschheit auch aus Angelegenheiten anderer raushalten? Ansonsten gäbe es keine Klatschmagazine, Blogs und soziale Netzwerke..

  2. Als ich noch bei meiner Mutter wohnte, lebten über uns zwei Senioren, die man auf den ersten Blick für ein altes Ehepaar hielt. Tatsächlich aber waren es Bruder und Schwester. Völlig unbehelligt lebten die beiden, weil wohl niemand sich den Sex eines Opas mit einer Oma vorstellen konnte oder wollte.
    Nun würde mich aber sehr Deine Meinung zu der Beziehung eines Lehrers mit einer 14-jährigen interessieren, ob alle sich da hätte rauhalten sollen?

    http://www.focus.de/panorama/welt/der-lehrer-und-das-14-jaehrige-maedchen-ich-hatte-das-gefuehl-dem-kann-man-vertrauen_aid_704409.html

  3. Ich hab Pädophilie ja aus der Gleichung schon von Vornherein ausgelassen.

    Außerdem gibt es auch mehr als nur solche Art von Beziehungen. Dysfunktionale Beziehungen zwischen Freunden, zwischen Kind und Elternteil. Irgendwelche Süchte, die niemanden außer dich selbst betreffen, Egoshooter, GZSZ. Was auch immer. Ich verstehe schon, warum.. Und ich weiß, dass ich wohl auch bloß dastehe, und Du Du sage. Trotzdem stört es mich. Streich das Trotzdem. Gerade deshalb.

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