Charlotte und ich

Ich kann da ja leider nicht für alle sprechen, aber bei mir und Charlotte ist es so.. (Achja, Charlotte war der Name meiner Depression.)

Charlotte ist der Stereotyp des Arsch-Ehemanns. Charlotte und ich haben uns vor einigen Jahren kennengelernt und anfangs lief es noch toll. Wir haben geredet, uns verstanden. Charlotte war einfach immer für mich da, wenn es mir schlecht ging.

Mit der Zeit habe ich bemerkt, dass Charlotte sogar die Einzige ist, die da ist oder zumindest die Einzige, die ich an mich ranlasse, wenn es mir schlecht geht. Charlotte meinte, meine Freunde seien alle scheiße und dass mich niemand so liebt wie sie mich. Dass niemand mich liebt. Punkt.

Nach und nach hab ich mich zurückgezogen und alles, was noch blieb, war sie. Alles, was mich definiert hat. Und dann fing sie an, scheiße zu werden und mich fertig zu machen und zu belasten. Davor war es die Art von Trauer, in der man sich suhlt. Dann war es die, die einen nur noch kaputt macht. Charlotte wurde eifersüchtig und herrisch. Besitzergreifend. Sobald ich etwas gemacht habe, hat sie zurückgeschlagen mit Müdigkeit und Gesprächen, in denen sie mir erklärt hat, dass das, was gerade schön war, nie wieder kommen wird. Dass es ein einziger Moment war. Dass auch dieser Moment eigentlich nur peinlich ist und ich mich dafür schämen sollte, dass mir das so viel bedeutet, denn außer mir bedeutet dieser Müll niemandem etwas. Denn ich bedeute ja niemandem etwas.

Charlotte hat mir beigebracht, Dinge zu hinterfragen. Alles, was gut ist, ist automatisch an Bedingungen geknüpft, denn Menschen sind egoistisch und schlecht. Ich auch. Nur Charlotte ist gut. Wenn mir jemand schreibt, dann nur, weil ich die einzig Blöde bin, die zuhört und nicht, weil er gerne mit mir sprechen möchte oder auf das, was ich zu sagen habe, wertlegt.

Wenn ich ein Geschenk bekomme, dann wird erwartet, dass ich etwas zurückgebe. Und wenn kein Geschenk, dann Zeit und Liebe und einen Teil von mir – Teile, die ich nicht weggeben möchte, denn viel von mir ist nicht übrig.

Aber ich habe ja Charlotte.

Und dann, als ich da war.. Ich wollte mich von Charlotte trennen, aber es gab nichts mehr, wohin ich gehen konnte. Charlotte würde mich immer verfolgen und niemand war da, der wirklich etwas gegen sie tun würde. Es hilft nichts, eine liebende Mama zu haben, wenn man weiß, dass sie die Einzige ist und sie einfach nur genetisch dazu gezwungen ist, einen zu lieben. Charlotte hat mir das ja alles ganz genau erklärt.

Und ansonsten liebt mich niemand. Manche Leute, die verzweifelten, die reden sich das ein. Sie denken, dass sie mich mögen oder sogar lieben, aber in Wirklichkeit wollen sie nur weniger allein sein – Oder zumindest zusammen allein.

Deshalb schreiben sie mir Mails oder Nachrichten bei ICQ.

Wenn aber nichts übrig bleibt von mir selbst, sobald ich Charlotte verlasse, dann verlasse ich sie eigentlich doch nicht. Dann bin ich Charlotte.

Aber eigentlich ist Charlotte doch nur ein Name. Ich würde gerne sagen, dass es der Name für meine Depression ist, aber ich glaube, das, was ich von Charlotte beigebracht bekommen habe.. Das haben mir in Wirklichkeit Menschen beigebracht, nicht irgendeine psychische Störung. Menschen haben sich so oder so verhalten, ich hab mich so oder so verhalten und zum Schluss habe ich dem Ganzen nur einen Namen gegeben, weil ich ansonsten kein passendes Wort gefunden habe.

Charlotte widerspricht mir gerade und sagt, das nennt man auch Leben.

Aber weißt du was, Charlotte? Wenn das das Leben ist, dann ist Leben scheiße.

* * *

Und nein. Mir geht es immernoch relativ gut. Hng. :<

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6 Kommentare zu „Charlotte und ich

  1. „Davor war es die Art von Trauer, in der man sich suhlt. Dann war es die, die einen nur noch kaputt macht.“

    Ich glaube, damit hast du in 2 Sätzen beschrieben, was ich schon so lange versucht habe, mir selbst zu erklären. Wahnsinnig toll geschrieben. Der ganze Beitrag.

  2. Charlotte hat vergessen Dir zu sagen, dass viele Mädels auch Freundschaft erfahren, weil sie mit großer Oberweite gesegnet sind. Charlotte sollte es außerdem schwerfallen, die Genetik einer Mutter zu erklären, welche ihre Brut mit schöner Regelmäßigkeit im Wasserbottich ersäuft. Ansonsten aber finde ich Charlotte voll okay. Kannst mir Charlotte gerne überlassen, bekommst dafür einen „lieben Gott“ Deiner Wahl. Vielleicht weiß der Rat bei halbstarken Posen, nur auf einer Welt leben zu wollen, die so und so ist.
    Charlotte ist wohl eh zur Kriegerbraut geboren, die es sexy findet, dass ihr Geliebter im Nahkampf auch mal anderer Leute Halsschlagader durchbeißt. Endlich ein Mädel, das wirklich auf Vampire abfährt!
    Willst Du Charlotte loswerden, weil Du glaubst, partout nicht klarzukommen ohne Schischi aus dem Kino und aus Romanen, empfehle ich Dir die Trance des Funktionieren wollens. So wie ich mir jetzt vorgenommen habe, alle zwei Monate einen neuen Fall meines Kommissar Hengstmann als E-Book an den Start zu bringen:
    Drei Seiten pro Tag mein Pensum. Schaffe ich mehr, war es ein wundervoller Tag, weniger machen mich umso entschlossener, am nächsten Tag mein Pensum zu übertreffen. Eine Sucht, die jede Charlotte plattwalzen sollte, aber viel produktiver ist, als etwa eine Waage zu seinem Gott zu machen.

    1. @chschlesinger- ich mag mich irren, es falsch verstehen, aber irgendwie werd ich das gefühl nicht los, dass ich kotzen könnte, wenn ich deine selbstgefälligen worte lesen.
      da öfnet sich grad ein mensch, und zwar auf eine sehr beeindruckende art und weise, und du schreibst irgendwelchen zynischen mist von oberweiten und müttern, die ihre brut ersäufen, um dich am ende nur selbst darzustellen und zu feiern…
      wofür hältst du dich denn, dass du entscheiden kannst, was produktiver ist und was nicht. und wer sagt eigentlich, dass es um produktivität gehen muss?
      in erster linie sollten die menschen doch dazu zurückfinden, ihre gesundheit an oberste stelle zu setzen, sowohl psychisch als auch physisch, und der gesamte produktivitäts- und „immer-funktionieren“-mist hat die menschen doch erst da hingebracht, wo sie jetzt sind- kaputt, krank, vereinsamt und fast jeder eine charlotte als beste freundin.
      @patricia, ich finde es wundervoll, wie du dinge beschreibst, nicht nur in diesem beitrag. du hast eine sprache, die bilder entstehen läßt, worte, die menschen abholen können, sätze, in denen man sich erkannt und verstanden und vor allen dingen nicht mehr allein fühlt. dafür danke ich dir von herzen.

      1. @ Ketosestreifen (sind das nicht die Dinger bei.. egal, bevor ich mich hier noch zum Obst mache..) ich war mir auch nicht sicher, wie ich den Kommentar auffassen sollte, weswegen ich es gelassen habe.

        Danke dir jedenfalls fürs Kommentieren! Ist doch immer wieder schön, was Nettes zu hören. ;)

      2. Seriöserweise kann eigentlich jeder nur für sich selbst sprechen. Und als leidenschaftlicher Fleischfresser fällt es mir eben schwer, „in Love“ zu sein. Was wären all die Candle Light Dinner ohne einen Schlachter im Hintergrund, der den Liebenden die emotionale Drecksarbeit abnimmt? Obendrein finde ich es so feierlich eigentlich nicht, Kriminalromane zu schreiben. Kann jeder, wenn er den Willen dazu findet.
        Man möge mir verzeihen, aber ich bin ein Mensch, der an seinen Taten gemessen werden will. Immerhin hat dieser ganze produktivitäts- und „immer-funktionieren“-mist es ermöglicht, dass Patricia via Internet ein sehr beeindruckendes Weblog führen kann, wie überhaupt alles in unserem Leben den Menschen von vor tausend Jahren als Wunder, als Zauberei erscheinen muss.
        Und wenn man derart anfängt in Generationen zu denken, fühlt man sich in gewisser Weise auch gehalten, dass alles schon irgendwie werden wird, hat man sich erstmal bereit gefunden, auf eigene Art Schritt zu halten. Meine Erfahrung.
        Erinnere ich mich richtig, ist es für Patricia okay, wenn ich hier von meinen Erfahrungen schreibe. Wäre es anders, wäre es für mich kein Problem, hier fortan schweigend mitzulesen.
        Wenn ich Wohlstandsbürger an etwas interessiert bin, dann am friedlichen Miteinander.

      3. Ich muss aber zugeben, dass ich, als ich dein Kommentar gelesen habe, zuerst ähnlich reagiert habe wie Ketosestreifen. Obwohl, zu allererst mit der Frage: „Will er mich jetzt beleidigen oder nicht? oô“ Und sobald man Dinge persönlich nimmt – Ich nehme mal an, dass hat KS getan, da sie/er (ich nehme an, sie? Falls es Männer gibt.. ach egal) das getan hat – dann reagiert man eben auch so. x:

        Klar kannst du hier schreiben – Kann ja zum Schluss jeder (außer der „Cooler Post, schau mal hier ‚randomlink'“-Leute), egal, ob ich es okay finde oder nicht, weil ich halt nichts davon halte, Beiträge zu blocken. Aber es kommen dann halt auch solche Reaktionen. – Die ich ebenfalls nicht blocke, außer es fallen zu private Dinge (*hust* S.*hust*)

        Außerdem ist es eben auch schwer, darauf klarzukommen, was du sagst, wenn du chSchlesinger-isch sprichst und du, sobald man dich fragt, ob du Dinge ernst meinst oder ob du sie erklären könntest, ausholst um von Kindheitserinnerungen zu sprechen. Ist ja schön und gut, aber dann erwarte keine anderen Antworten.

        Und, um mal auf deine Antwort einzugehen.. Klar hat mich der Produktivitätsmist dazu geführt, hier zu bloggen. – Was ich ja auch gut finde, denn Development und so weiter. – Deshalb muss man aber nicht unbedingt zu dem Mist beitragen – Klar liegt den meisten Lesern hier vermutlich weniger an mir als an dem Kram, den ich schreibe, aber man würde ja annehmen, dass niemandem die wöchentliche Unterhaltung wichtiger ist als die Gesundheit des Verfassers – und ich würde gerne gesund werden und dann weiterhin schreiben, anstatt weiterzuschreiben und dann irgendwann wieder so tief unten sein, dass ich die Suicide Beiträge nicht nur in der Theorie durchnehmen mag. – Traurig, dass mich kleine Sätze runterziehen oder dass ich mich eben in solche reinsteigern kann, aber dafür hab ich eben weiterhin meine „Instabile Persönlichkeit“s-Diagnose.

        Ich kann nicht für Ketosestreifen sprechen, aber für mich war dein Beitrag eben ‚beleidigend‘, auch wenn ich das Ganze nicht als zynisch oder Masturbation angesehen habe.. Nur, um meine Antwort hier gerechtfertigt zu haben. x:

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