Hausaufgaben-Wortkotze

Vom 4. November 2010:

I am alone in the world, and yet not alone enough to make each hour holy.
I am lowly in this world, and yet not lowly enough for me to be just a thing to you, dark and shrewd.
I want my will and I want to go with my will as it moves towards action.
And I want, in those silent, somehow faltering times, to be with someone who knows, or else alone.

I want to reflect everything about you, and I never want to be too blind or too ancient to keep your profound wavering image with me. I want to unfold. I don’t want to be folded anywhere, because there, where I’m folded, I am a lie.

Rainer Maria Rilke

  • Ich war gestern bei Frau K.
  • Ich war gestern in der Stadt.
  • Ich war gestern Kontoauszüge holen.
  • Ich habe gestern die Freundin meines Vaters getroffen.
  • Ich habe gestern 100 Euro von ihr bekommen.
  • Ich habe gestern bei Frau K. fast geweint, ohne den Grund (im Nachhinein?) zu kennen.

Der Druck war einfach da. Der, hinter den Augen. Der eklige. Und man schaut irgendwo hin, fokussiert seinen Blick auf etwas helles, oder einen bestimmten Fleck auf der Raufasertapete.

War seltsam heute. Ich hatte mich morgens um 5 ins Bett gelegt, weil ich müde war – was seltsam ist, wenn man bedenkt, dass ich abends 19 Uhr aufgewacht bin – und bin dann, um 7 aufgestanden. Habe mehr als eine Stunde gebraucht, um die kleinsten Dinge zu schaffen und bin dann zu Frau Dr. T. – Blut abnehmen. Ich habe Blut abnehmen immer geliebt. Wenn die Nadel unter die Haut fährt. Das kurze Ploppen. Ich hab mir vorgestellt, wie es sich für einen Arzt anfühlen muss. Das kurze Brennen. Und dann dieses komische Gefühl, wenn da Blut aus einem rausläuft oder gezogen wird. Heute hat’s doch tatsächlich geblubbert. Wie, wenn man sich Trinken einschenkt.

Aber es war nicht mehr toll. Ich hab nicht mit großen Augen auf meinen Arm geschaut. Es hatte keine Bedeutung mehr. Ich hab weggeschaut, auf die Tapete, auf die Fake-Blumen. Ich würde gerne noch so tun – nein, ich tue ja auch noch so. Tue so, als würde ich mich unglaublich darauf freuen. Und dann sitze ich da und wundere mich, wieso selbst dieser kleine Funken von abnormer Normalität weg ist.

Danach hatte ich noch eine Stunde Zeit bis zum Termin bei Frau K. – Was nicht an meiner schlechten Planung, sondern an dem zum ersten Mal leeren Sprechzimmer bei Frau Doktor lag. Also habe ich alles, was ich erledigen sollte – Kontoauszüge, Miete, Joghurtdressing, Zigaretten besorgt und bin vor der Bank mit H., der Freundin meines Vaters, zusammengestoßen.

Mit samt meines Halbbruders, der erneut krank ist. Shame on me, ich hab vergessen, ihr zur Schwangerschaft zu gratulieren. Sollte ich heute mal vorbeigehen? Ich meine, sie hat mir 100 Euro gegeben. Ist das nicht sowas wie das „Komm vorbei!“-Zeichen? Sie hat mich auch gefragt, ob ich gestern vorbeikommen würde (wie das klingt! o.o).. Aber ich war müde und meinte, ich sei noch krank.

Das Lustige ist nämlich, dass weder mein „Vater“ (Sollte ich ihn von nun an „Vonkel“ nennen? Ja. Das tue ich!), dass weder mein Vonkel noch H. wissen, dass ich Depressionen habe. Dass ich nicht zur Schule gehe. Dass ich ab und zu mal kotzen gehe, ab und zu faste, ab und zu fresse. Dass ich kaputt bin. B-Ware.

Stattdessen bin ich ständig krank. Vielleicht nutze ich das als Ausrede, um zu erklären, wieso ich wiederholen muss. Ja! Ich war zu oft krank! Hab insgesamt 4 Klausuren verpasst und das Maximum ist halt 3 und bla und blu. Irgendwas werd ich schon erfinden können.. Whatever.

Unter Anderem darum ging es auch bei Frau K. Die mich dann, nach den 50 Minuten Sitzung, gebeten hat, zu schreiben, weil es mir sichtbar (FAST GEHEULT!! O.O) nicht gut ging und wir wohl viele Dinge nicht genug ausgeweitet hatten. Um S. zu zitieren. Tighte Sache.

Und hier sitze ich und schreibe. Anders als sonst, vielleicht, weil ich diesmal tatsächlich .. dokumentiere. Und erkläre, anstatt einfach nur rohes Fleisch hinzuschmeißen.

Aber eigentlich habe ich nur Dinge geschrieben, von denen sie schon weiß. Denn was genau ich noch ausweiten soll, weiß ich gar nicht. Vielleicht sollte ich erst einmal darüber schreiben, was genau während der Therapie besprochen worde..

Am Besten schreib ich jetzt mal im Präsenz. Mach ich so selten und hat bestimmt einen tollen Effekt. Also *husthust* Aufpassen und los.

Ich sitze im Wartezimmer und schaue auf mein Handy. Meinen iPod. Zu meiner Jacke. Es klingelt und ich wundere mich, ob ich zur falschen Zeit gekommen bin. Zeitumstellung und so. Ich frage mich, ob sie mich wegschickt, weil ich zur falschen Zeit da bin. Aber ich bin genau richtig und der Klingler hatte sich scheinbar vertan. oder sonstwas.

Sie begrüßt mich und lässt mich Platz nehmen.  Böse Taktik. Ein runder Tisch und vier ziemlich bequeme Stühle drumherum. Wir saßen uns immer gegenüber. So habe ich mich von Anfang an gesetzt. Und dann vor 3 oder 4 Wochen saß ich, als sie sich dazu entschied, sich  nicht gegenüber sondern neben mir zu sitzen. Und in der Woche darauf lagen ihre Unterlagen schon und ich konnte mich wieder entscheiden, wo ich sitze. So etwas Böses! Naja. Jedenfalls sitze ich jetzt ohne einen großen Tisch und einen Stuhl Abstand zwischen uns neben ihr. Hole meine Tabellen raus und sitze da. Sie fragt mich, wie es mir geht. Was soll ich antworten? „Gut. Ich habe gerade 100 Euro bekommen“ sage ich und grinse. Geld macht mein kleines Vietnamesenherz glücklich. Denn jetzt kann der Rest von mir tatsächlich die schönen Weihnachtsgeschenke kaufen. Nicht die GANZ schönen. Aber wenigstens schöne. (Und wer hier sagt „die schönsten Sachen kosten kein Geld“ der kann mich mal. Tun sie vielleicht auch nicht. Vielleicht kostet ein Kuss kein Geld. Vielleicht ist der Satz „Ich vermisse dich“ kostenlos. – Aber die Schuhe, die man z.B. der Schwester kauft, weil sie sie in der Stadt immer so anschielte, ohne sich zu trauen, zu sagen, dass sie sie gerne haben würde, sind es nicht. Und das Gesicht, wenn sie das Geschenk aufmacht und sieht, was drin ist, das ist unbezahlbar.)

Sie fragt, wie es mir sonst so ergangen ist die letzten zwei Wochen. Ob irgendwas Neues zu berichten sei. Ich ziehe eines der Protokolle hervor und sage: „Mein Opa.. war NETT!“. Das verwundert sie irgendwo. Ob es meine Reaktion ist, die Tatsache, dass er nett ist oder ob sie einfach nur so guckt, damit ich mich mit meiner Grimasse nicht allein fühle, weiß ich noch nicht genau. Ich denke immer, dass sie, wie Mami der festen Überzeugung ist, dass er mich auf seine Art und Weise liebt. So wie mein Vonkel. Whatever. Aber da sitzen wir. „Was wundert dich daran?“ und „Wie ist er?“ und sehr viele „Warum?“s und zum Schluss läuft es darauf hinaus, dass er halt er ist und ich eben feige. Ich frage mich, was in seinem Kopf vorgeht. Das, was ich verstehe, gefällt mir nicht. Und das, was ich nicht verstehe, gefällt mir erst recht nicht. – Und dass dem so ist, versetzt mir wieder einen Stich. Wie undankbar ich bin. Wie verzogen. Wie böse und naiv und dumm.

Dann geht es um.. Zukunft? Ja, ich glaube. Oder um meinen Vonkel. Es geht immer um alles und ich bin mittlerweile selbst verwundert, wie sie auch nur einen Bruchteil dessen verstehen kann, was ich da von mir gebe – oder sie hat ein verdammt gutes Pokerface.

„Was sind die Vorteile an deinem jetzigen Lebensstil?“ Ach, als ob ich darauf aufmerksam gemacht werden müsste, dass, je länger man nichts macht, man gerne auch weiterhin nichts machen will. Schlecht. In mir zuckt der Wolf. Ich möchte mich verteidigen, sofort auf das eigentliche Thema eingehen, nämlich, dass ich auch bloß viele Contra-Punkte habe und ich gerne in die Schule gehen würde, wenn ich die Kraft hätte. oder ich gerne die Kraft hätte.

Aber selbst das stimmt nicht ganz.Nicht mehr.

Wir reden darüber, dass die Zukunft groß ist. Ein großer Brocken. Ich sage, dass ich es unfair finde. Das Leben. Dass ich, wenn ich schlecht in Mathe bin, weil ich nicht lerne, akzeptieren kann, dass ich nur eine 3 bekomme. Aber wenn ich wochenlang irgendwelchen Binomialunsinn pauke und dann trotzdem gerade so meine 2- schaffe, mir das Ganze ungerecht vorkommt. Es ist unfair. Denn selbst wenn man sein Bestes gibt, manchmal ist es nicht gut genug.

Ich sage, dass ich, anders als früher, nicht mal mehr einen Grund finden will. Dass ich in der Zukunft nichts sehe, dass mir gefällt. So ist es auch. Ich sehe dort nur die vielen, kleinen Rollen, die wir spielen. Zum Schluss sind wir nur Steuerzahler und irgendeine kleine Zahl, wenn es um demographische Wandel geht. Und auch das nur, wenn wir „Glück“ haben und in einigen Jahrzehnten noch Menschen leben, die das lernen müssen oder sich dafür interessieren.

Ich sage „Früher fand ich es schon unfair, dass, egal wie ich mich anstrenge, nicht alles so läuft, wie ich es möchte. Dass mein Bestes nicht gut genug ist. Dass ich diesen verdammten Berg hochgehe und stolpere und runterfalle und wieder hochstehen muss. Aber mittlerweile da ist mir der Berg egal. Da hab ich keinen Bock. hochzusteigen und zu schauen, was auf der anderen Seite ist. Ich will unten liegen bleiben und schlafen.“ und was sie darauf erwidert, weiß ich nicht mehr genau. Ich denke, sie sagt, dass man nicht immer funktionieren muss. Dass ich auch mal eine Pause brauche. Dass Deutschland ein sehr leistungsorientiertes Land ist und so weiter.

Sie meint, der Gedanke, dass wir letztenendes immer unsere Rollen spielen, sei reif. Und ich weiß nicht, wie ich damit umgehen soll. Aber das ist auch nicht nötig, denn gleich danach sagt sie „Die meisten Jugendlichen denken nur an den Job, daran, was sie werden könnten, schauen sich dort um.“ Ja, vielleicht sollte ich das auch tun. Aber nein, hier unten ist es bequem, ab und zu kommt ein Bär vorbei und schmeißt mir einen Fisch hin, an dessen Gräten ich kaue.

Sie meint, es ist dennoch möglich, ein weniger vorbestimmtes Leben zu führen. Dass es Menschen gibt, die sich in karge Räume schließen und meditieren. – Verdammt.

Wir reden irgendwann wieder über mein Vonkel. Sie sagt: „Man kriegt nicht immer die Wunscheltern.“ und ich denke an Mami, die besser ist als alles, was ich mir hätte wünschen können. Sie meint: „Die Wenigsten haben das Glück, die Eltern zu bekommen, die sie sich wünschen.“ und ich antworte: „Es geht mir nicht um einen Wunschvater. Ich wäre gerne das Wunschkind.“

Irgendwo zwischen da und jetzt sagt sie, dass es ein wirklich guter und großer Schritt wäre, wenn ich irgendwann sagen würde, dass ich vielleicht nicht die bin, die mein Vonkel gerne hätte, aber dennoch ich. Und dass das gut so sein. – Ja als ob. Wenn es gut so sei, dann wär auch alles gut, meint meine in letzter Zeit seltsam aktive trotzige Seite.

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Veröffentlicht von

Patricia

People I know started following me. This is getting too real.

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