Gastautor III: Das hier ist eine Botschaft an mein Hirn: Es tut mir Leid, aber du hast angefangen.

Das hier ist eine Botschaft an mein Hirn:
Es tut mir Leid, aber du hast angefangen!

Wir haben diese Art Hassliebe, wisst ihr. Man kann nicht ohne, aber auch nicht miteinander. Irgendwie so.

Mein Hirn trickst mich manchmal aus. Es macht mir vor, ich sei traurig, unendlich traurig. Einfach so, von jetzt auf gleich.
Das klingt ganz in Ordnung, aber mein Hirn treibt sein krankes Spiel noch weiter: Es lässt es so aussehen, als sei ich das Erbärmlichste auf dieser Welt: dumm und unsozial und – fast noch schlimmer! – unförmig und hässlich.
Es nimmt mir die Fähigkeit, zu hoffen. Es treibt mich immer weiter in Richtung Selbstzerstörung, weil meine Existenz ihres Sinns beraubt wurde.

Wir sind wie Dr.Jekyll und Mr.Hyde. Es kann zu jedem Zeitpunkt passieren, dass Mr.Hyde wieder anfängt zu wüten (es ist schon mehr zu Bruch gegangen als nur ein paar Tassen im Schrank), und genau deshalb traue ich dir nicht, Gehirn. Du machst mir Angst.

Natürlich ist das alles Blödsinn. Ich kann erstens nicht mit meinem Hirn reden (schade) und zweitens kann ich mein „ich“ — meine Identität, meinen Charakter, meine Erinnerungen usw.– nicht einfach so davon trennen. Wir sind eins.
Im Umkehrschluss bedeutet das natürlich, dass ich für Änderungen meines Seelenzustandes, wie auch immer sie geartet sein mögen, zu einem teil selbst verantwortlich bin. Andererseits auch die äußeren Umstände, klar. Aber wenn das, was mich so traurig, leer und depressiv macht, in mir ist, dann kann ich es doch auch selbst ausschalten oder zumindest bekämpfen! Oder nicht?

Ehrlich gesagt kann ich es nicht. Aber ich sollte, und das macht Mr.Hyde rasend. Jekyll, vous ne m’échapperez pas. — Hmm.. jetzt bin ich doch wieder bei dieser ausgelutschten Metapher gelandet. Sie hilft mir aber irgendwie dabei, diese ganze Scheiße zu illustrieren. Wer hat sich nicht schonmal gespalten gefühlt? Nicht gleich auf Gollum-mäßige weise, aber man kennt das doch. Naja, ab einem gewissen Grad des Gespaltenseins verliert man allerdings den Überblick über sich selbst und den anderen teil da. Wo hört das selbst auf oder beinhalte ich diese ganzen Widersprüche in meinem Wesen? Und dann, wage ich zu behaupten, ist man schon bald nicht mehr „funktionsfähig“.

Es tut mir Leid, Gehirn, dass ich dich derart verleumde. Unsere Beziehung ist offenbar kompliziert.
Wenn ich ehrlich bin, schäme ich mich sogar für dich, weil du nicht mehr bist als ein Prototyp. Evolutiv gesehen nur lückenhaft den äußeren Anforderungen angepasst.

Trotzdem müssen wir das unter uns allein ausmachen. Für die anderen bin ich entweder nichts weiter als ein melodramatischer Teenager („himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt“ – so war’s schon immer, da muss man nunmal durch) oder eine Diagnose (ich höre klingende Kassen und ein „Ich verschreibe ihnen [beliebiges Antidepressivum einsetzen]“).
Ich frage mich nur, wie ich an etwas etwas soll, wovon ich weder Ursache noch Auslöser verstehe. Ich gebe einen Dreck auf Synapsen und Serotonin. Ich will einfach nur normal sein, anstatt Briefe an mein verdammtes Hirn zu schreiben.

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Veröffentlicht von

Patricia

People I know started following me. This is getting too real.

5 Gedanken zu „Gastautor III: Das hier ist eine Botschaft an mein Hirn: Es tut mir Leid, aber du hast angefangen.“

  1. Hachja.. eigentlich hätte ich heute jemand anderes veröffentlicht, aber ich mochte den Text einfach zu sehr und wollte kurz vor’m Schlafen gehen heute noch irgendwas Sinnvolles gemacht haben. Nämlich deine Genialität auf meinem Blog festhalten. So, genug geschleimt, morgen kommentier ich vielleicht etwas fast schon Gehaltvolles. Bis dahin hoffe ich egoistischerweise, schreibst du noch weiter Briefe an dein Hirn oder an deine Niere oder.. ich weiß nicht. An deinen Zeh? ;) <3

    1. Und so hast du mir vor dem Schlafengehen den Tag gerettet, weil ich nämlich auf Geschleime stehe. ;) Meine *hust* Genialität steht zu deinen Diensten, weil besagtes Hirn nicht aufhört, Gedankensuppe zu produzieren, die irgendwie raus will. Wer weiß, vielleicht ist als nächstes sogar die Leber dran (ich empfehle dazu einen guten Wein) ..
      :)

  2. Damn. Ich liebe deinen Text! Einerseits, weil er toll geschrieben ist und andererseits, weil ich es wohl so unterschreiben könnte.
    Irgendwie macht mein Hirn mir auch zu viel kaputt. Fängt ja schon bei den „kleinsten“ Dingen an, wie zum Beispiel bei Gefühlen. Ich freue mich, aber im gleichen Moment redet mein Gehirn mir ein, dass das eh nicht von langer Dauer sein wird und ich mich lieber auf die Traurigkeit freuen soll, weil es da ab einem bestimmten Punkt nicht tiefer gehen kann, also hat man nichts zu befürchten. Dann streitet mein Hirn oft Gefühle ab, zweifelt an ihnen oder redet mir komplett falsche ein. Und wenn ich dann versuche, es zu ignorieren, dann wird es immer lauter und schreit mich fast an.
    Okay, Egotrip, ich rede nur von mir, wie wohl so oft.
    Lange Rede, kurzer Sinn: Genialer Text und ich kann ihn nachvollziehen bzw. gut auf mein Leben übertragen. Allerdings habe ich den Off-/On-Schalter für mein Hirn noch nicht gefunden… Sobald ich ihn gefunden habe, sage ich dir bescheid, wenn du es auch wissen willst.
    :)

    1. Das freut mich bzw. leide ich mit dir und deinem Hirn.^^

      Ich finde es trotzdem wichtig, dass man nicht nur irgendwelche organischen Gegebenheiten (also dieses walnussartige Dings) für sein Empfinden verantwortlich macht. Das wäre zu einfach.
      Aber irgendwie illustriert die Vorstellung halt dieses Gefühl der Machtlosigkeit. Die Tatsache, dass man eben manchmal keine Macht hat, sondern die Krankheit die Kontrolle übernimmt..

      Oh ja, schreib mir dann bitte sofort und schick eine Skizze mit! ;)

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