Berufsblind

Zeiten ändern uns und wir stehen da und merken nichts. Sehen in den Spiegel und kriegen gar nicht mit, wie anders wir sind. Ganz ohne direkten Vergleich sind wir blind.
Nein, ganz ernsthaft, ohne zu pathetisch sein zu wollen. – Aber vielleicht zieh ich das alles auch ganz falsch auf, also neuer Versuch.

Ich weine nicht. Ich lese und höre oft, dass Depressive weinen. In Blogs oder auch persönlich erzählen sie mir und/oder der Welt, dass sie den Tag heulend verbrachten. Oder dass sie nichts essen, dass ihnen nichts mehr Spaß macht. – Und ich schaue mich an. Und vergleiche mich damit, denn das macht man doch so, hab ich mal gehört.

Ich weine nicht. Ich esse, einfach, um was zutun zu haben und diese hässliche Leere, die ab und zu mal vorbeischaut, zu verdrängen (Nein, nicht zu füllen, zu verdrängen). Und ich verliere nicht das Interesse an Dingen; ich schlafe zu viel, um sie wahrzunehmen. Ich habe sogar mit anderen Dingen angefangen. Gitarre spielen, immer mehr lesen, whatnot.

Ich habe keine Nervenzusammenbrüche. Ich gehe aber auch nicht in die Schule, vielleicht deswegen? Ich quäle mich nicht mit dem oder dem rum, ich geh ihm direkt aus dem Weg.

Und wenn man es so einfach hat, merkt man gar nicht, wie kaputt man eigentlich ist. Man, nein ich, aber ich bleibe bei man, denn das ist schöner, hat ein kleines Problem:

Die Angst, ins Leben zurückkehren zu müssen bringt einen dazu, sich beweisen zu müssen, wie depressiv man ist. Aber man ist schon depressiv genug, als das jeder Tropfen mehr das Ende sein könnte.

Man schottet sich ab und realisiert nicht, wie „anders“ man ist.

Man trifft irgendwann mal jemanden und merkt, „Ups, bei mir ist das anders.“ oder man hat einen ganz neuen, vielleicht ebenfalls „gestörten“ Bekannten- und Freundeskreis. Und es wird Normalität.

Aber das passiert zu selten und die depressive Angst, wieder ins Leben zu müssen, weil man zu gesund ist (was man nicht sein kann, wenn man zitternd am PC sitzt), wechselt sich mit depressiver Leere und noch einigen anderen Zuständen ab.

Wir stehen da, aber merken gar nicht, dass wir vor Monaten oder Wochen oder Tagen noch anders aussahen, noch anders gingen und noch anders sprachen.

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10 Kommentare zu „Berufsblind

  1. Ich kenne diese schwachsinnige Vorstellung von wegen „Ich bin nicht krank genug..“ nur zu gut. Aber es gibt absolut keinen Grund, sich an anderen zu messen oder sich mit ihnen zu vergleichen, um festzustellen, wie schlecht es einem wirklich geht.
    Wenn es dir scheiße geht, ist das eben so. Punkt.

    Es ist wahrscheinlich ein bisschen krank, aber ich finde, deine Art, der Welt zu entfliehen, ist eine gute Art, ihr den Stinkefinger zu zeigen. Es kommt mir irgendwie stärker vor als jeden Morgen aufzustehen und den ganzen Scheiß mitzumachen, obwohl man sich selbst verdammt nochmal dafür verachtet.

      1. Wtf? Wo ist der Rest meiner Antwort hin?? *böse WordPress anguck*

        Also. Zum letzten Teil: LIKE. Ich hoffe, das ist nicht krank, denn ich werd mir das vielleicht ausdrucken und eine Wand mit all solchen Dingen vollkleben :’DD. Yeaah :>

      1. Ernsthaft. Ich werd mir diese komischen Platten da holen (Gipsdingsbums? Ka.) und alles draufkleben, denke ich :] Hab ich auch was zutun und für immer was zu erinnern :D

    1. Stärker wäre es, wenn es gewollt wäre, was ich bezweifele.
      Auch ist der Zeitpunkt, obwohl nicht freiwillig gewählt, doch ein guter, da eine zweifache Mutter z.B. mit einem selbständigen kleinen Tante Emma Laden, sich nicht so ohne weiters aller sozialer Bindungen und Verpflichtungen entsagen kann um sich seiner Krankheit hinzugeben.
      Es kostet doch tausend Mal mehr Kraft aufzustehen und sich tagtäglich der Welt zu stellen als liegenzubleiben und ihr vielleicht unter der Decke der Finger zu zeigen.

      1. Die Möglichkeit ist ja bei mir einfach da – an sich ist es nicht so, dass ich NUR zuhaus bleiben müsste oder nur zur Schule/Arbeit/whatever. – Ich hab die Wahl und mittlerweile ist der „Stinkefinger-Effekt“ teilweise auch ein Punkt, der in meinem Kopf rumschwirrt. Im Endeffekt macht er es aber nur einfacher, über meine Schwäche hinwegzusehen.

        Und hey, seit wann ist „stark“ gut und „schwach“ schlecht? Achso.. Darwinismus, ganz vergessen.

      2. Ich finde, wie auch immer man lebt, was auch immer man tut oder eben nicht tut, ist okay, solange man selbst weiß, warum man es so angeht.

        Stark meine ich deshalb, weil sie eine eigene, wenn auch für andere schwer nachvollziehbare Entscheidung trifft und dazu steht.
        Klar haben die meisten Verpflichtungen, denen sie nachkommen müssen usw. Aber man muss mal über dieses Schwarz-Weiß-Denken hinausschauen, vor allem wenn man sich andauernd selbst fertig macht (Patricia?) . Den Darwinismus links liegen lassen, muhaha.

        Ja, jeder kämpft auf seine Weise. Ich glaub, darauf wollte ich auch hinaus. ;)

  2. Kein Weg ist besser als der andere.
    Man sollte sich nur nicht schlechter fühlen weil man sich auf andere Art und Weise dem Leben und seinen Problemen stellt.
    Jeder kämpft auf seine Weise.

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