#27

Keine drei Monate, aber fast zehn Verstorbene.

Was ich gelernt habe, lässt sich nicht quantifizieren. Es sind die Momente zwischen Krankheitsbildern, in denen man Hände hält und nickt. Die Momente, in denen man hört, sieht, fühlt, dass es bald vorbei ist. Dass es leider noch nicht vorbei ist.

Was lebt, heilt. Was nicht heilt, hält aus.

Wir halten aus.

Ich habe Demut gelernt, denn. Wir halten aus. Wir ertragen.

Wir ändern, was wir hassen. Wir akzeptieren, was wir nicht ändern können.

Es gibt tausend Plattitüden, und manchmal finden wir genau die Richtige.

Dreißig Prozent meiner Note bestehen aus Selbstreflexion. Selbstreflexion sagt mir, dass ich rohe Gewalt versteckt hinter Manipulation bin. Dass das gut sein kann. Dass ich mit Ärzten streite ohne zu streiten, damit meine Klienten die Hilfsmittel bekommen, die sie brauchen, egal wie viel Budget am Ende des Jahres noch zur Verfügung steht.

Dass auch die Drachen auf Station auf einmal meine Patienten sanfter behandeln, weil ich sie validiere. Weil ich hinter all meinen Aussagen „Ich sehe dich und deine Bemühungen,“ verstecke, und sie nicht einmal wissen, dass sie mich nicht enttäuschen wollen.

Ich umarme den schmierigen Hausmeister, damit er meinem Patienten einen Kalender im Zimmer anbringt, und lache über die schlechten Witze der Bäckerin, damit sie mir die Geheimnisse der Mitarbeiter verrät.

Keine drei Monate, und Herr P. kann endlich eine halbe Stunde laufen, ohne zu fallen. Keine drei Monate, und Herr W. ist trotzdem bettlägerig, pflegebedürftig, und isoliert.

Ich habe Ohnmacht akzeptiert; Ich kann dich nicht heilen. Ich kann deinen Schmerz nicht nehmen. Ich kann nur hier sitzen, und so tun, als ob es besser werden könnte, wenn das Gesundheitssystem dir keine Reha gibt.

Was ich gelernt habe, ist, dass Menschen für immer gleich sind. Und das ist entweder tröstlich oder eine Tragödie: Egal, wie dementiell der Mensch ist; wenn du auf ihn zugehst, ihm die Hand gibst und dich vorstellst, wird er sie nehmen und lächeln.

Ich habe mehr als nur Demut oder Ohnmacht oder Gewalt gelernt, aber es lässt sich nicht quantifizieren. Dieses Gefühl in mir, dass wir für immer dieselben Sorgen, Ängste, Wünsche und Hoffnungen haben; dass wir für immer heilen oder ertragen.

Und ich möchte schreien, weil es sich in diesen Momenten so einfach anfühlt. Als ob es nur eine Entscheidung einiger weniger Leute entfernt ist, glücklich zu sein, glücklich zu machen; und ich fühle mich so naiv und klein, wenn ich nicht verstehe, warum Menschen hungern und kämpfen und sterben müssen, während mir ein schwer-schizophrener Bewohner in die Augen schaut und mir wunderschöne Weihnachten wünscht.

Weil er diesen Schmerz kennt und ihn lindern möchte.

Und in mir ist rohe Gewalt, versteckt hinter Manipulation, die schreit, dass ich etwas tun, lernen, können, wissen muss, damit ich ihm helfen kann, zu ertragen.

Etwas, das sich nicht quantifizieren lässt: Wenn wir von uns wegsehen, sehen wir uns deutlicher. Die Schatten, die wir auf unser Umfeld werfen, unter denen -wenn auch nur für einige Minuten- wieder atmen können. Manchmal nimmt das dem Schmerz seine Qualität. Manchmal gibt es der rohen Gewalt in uns einen besseren Fokus.

Ich hoffe, diese Weihnacht müsst ihr nicht ertragen.

Ich hoffe, ihr seht, bis wohin ihr einen Schatten werfen könnt.

Advertisements

#26 peripher

Mir fehlt Wissen.

Ich habe gerade ausgerechnet, dass Wissen 286,90 Euro kostet.

In dieser Reihenfolge:

In mir winselt eine sehr leise, naive Stimme, dass es unfair ist, Menschen helfen zu wollen, und dafür nicht das Geld zu haben. Und nicht das Wissen, um das Geld zu verdienen, das man benötigt, um das Wissen zu bekommen.

#25 lauter, langsamer

Blaue Berge, grüne Täler,
Mitten drin ein Häuschen klein,
Herrlich ist dies Stückchen Erde,
Und ich bin ja dort daheim.
Als ich einst ins Land gezogen,
Ham‘ die Berg‘ mir nachgeseh’n.
Mit der Kindheit, mit der Jugend,
Wußt selbst nicht wie mir gescheh’n.

Frau L. meinte zu mir, „Meine Schwester und ich.. nun, wie soll ich mich ausdrücken.. Wir waren damals doch sehr.. wir waren ja nicht mehr in der Heimat. Da sangen wir manchmal dieses Lied, wenn wir heimweh hatten, aber wir haben immer gesungen, ‚und ich war ja dort daheim.'“

 – – –

Ich bin derzeit in einem Seniorenheim, verfolge den begleitenden Dienst (hauptsächlich natürlich die Ergotherapie, aber auch die Physio und Betreuungskräfte) und stelle immer wieder fest, dass Mensch eben Mensch ist.

Was man nun positiv oder negativ auslegen kann.

Die Euphorie, eine Sache gemeinsam zu haben, verfliegt schnell, wenn man eben dennoch Mensch ist, so wie auch Antipathie verfliegt, wenn hinter einem unsensiblen Spruch eine gesamte Persönlichkeit steckt.

Und ich muss lernen, lauter und langsamer zu sprechen. Und Volkslieder zu singen, die es nicht mehr gibt, weil man fliehen musste.

Und darüber nachdenken, dass wir Menschen uns nicht verändert haben.

 

#24 taking over you

Ich habe die letzten Tage acht Stunden an der Vorbereitung für ein Testat, vier Stunden an einer Ausarbeitung, und fünfzehn Stunden an der Vorlage für die Diagnostik gesessen. (Wobei dort noch einmal fünf Stunden für Beispiele hinzukommen.)

Was bedeutet, dass ich jetzt Pause mache, um über Medien zu sprechen, die ich die letzten Wochen „konsumieren durfte.“ Eigentlich aber nur, um um Empfehlungen bitten zu können. ;)

Ich gucke zur Zeit Suits*, habe Lie To Me* beendet, und überlege schon fieberhaft, was ich als Nächstes laufen lasse. Eventuell Dear White People?

Suits hat seine Probleme, aber ist insgesamt einfach sehr gut für Marathon-Geschichten. Lie To Me hätte ich hingegen sicher viel aufmerksamer schauen sollen, aber mir fehlte die Konzentrationsfähigkeit. (Aufmerksamkeits- und Konzentrationsstörungen bezeichnen die Unfähigkeit zur Ausrichtung, Sammlung und Hinordnung auf einen Gegenstand; ihr Erscheinungsbild betrifft hauptsächlich die fehlende Ausdauer und sie kommen bei physiologischer Müdigkeit und organischem Psychosyndrom vor. Die Prüfung erfolgt in einem Gespräch, in dem der Patient zum Beispiel subtrahieren soll: 100-7, soweit wie er kommt/bis zur Null. (Habe ich erwähnt, dass ich gerade sehr viel lerne?))

Mit Schwestern habe ich jetzt (Netflix und M. sei Dank! [an dieser Stelle bitte tausend Kuss-Emojis einfügen]) noch einmal Star Wars: The Force Awakens gesehen und sie davon überzeugen können, dass es doch kein Unsinn ist. (Sie ist übrigens fest überzeugt, dass Poe und Finn heiraten und Rey adoptieren sollen.)

Wirklich gerne möchte ich ja Call Me by Your Name schauen, weil Armie Hammer, den ich seit Man from U.N.C.L.E. liebe. Ich liebe diesen Film so sehr. Hab ich regelmäßig an, weil aus Gründen. Die ich nicht kenne. Vielleicht nur, weil die Schauspieler alle so wunderschön sind? Ich würde nie abstreiten, oberflächlich zu sein.

Im Übrigen: An dieser Stelle sollte ich erwähnen, dass mein Aberglaube keine Grenzen kennt – bei allen dreistelligen Zahlenketten bin ich fest überzeugt, dass mir das Universum etwas mitteilen möchte und: Man from U.N.C.L.E. kostet zur Zeit auf Amazon als DVD 4,44€ oder als Blu-ray 7,77€. (Auf Netflix kann man kostenlos streamen. *_*)

Ansonsten.. ich hab ein paar Apps entdeckt, die ich derzeit austeste, aber bin noch von keiner zu 100 Prozent überzeugt. Todait ist nicht schlecht, aber man muss daran denken, sie anzustellen.. und dann auch wieder auszustellen. Im Prinzip gibt man Aufgaben ein, wie z.B. bis zum 20. Dezember X Seiten zum Thema Y gelesen zu haben, und welche Tage man dieser Aufgabe widmen möchte. Dann erinnert sie einen daran. Man kann stattdessen auch 30 Minuten/Tag oder 4 Kapitel/Woche planen. Ist nicht unpraktisch für Schüler/Studenten.

36071328Ich habe vor zwei (?) Tagen ein Rezensionsexemplar von „The Self-Discipline Handbook*“ bekommen, das ich bisher gar nicht so furchtbar finde, wie erwartet. (Ich bin aber auch noch nicht fertig, denn [siehe oben].)Dazu: Selbsthilfebücher, und deren Verwandtschaft, sprechen mich in der Regel gar nicht an. Und die Autorin wendet sich ziemlich deutlich an den Durchschnittsbürger, aber daran störe ich mich diesmal nicht. Der Vorteil daran ist, dass man schnell ein-zwei Kapitel lesen kann, sich darüber Gedanken macht und vielleicht sogar etwas für sich selbst mitnimmt, ohne wie bei anderen Titeln, die versuchen, die Selbstreflexion anzukurbeln, in einem Strudel von Gedankenmasse unterzugehen.  Einige der Konzepte sind für mich fast schon zu esoterisch (Visualisier dein Herz! Verbrenne deine Schwächen! sagte die Person, die an dreistellige Zahlenkettennachrichten aus dem Universum glaubt) aber als Gedankenstupser ist dieses Buch bisher definitiv nicht schlecht: Selbstdisziplin ist nicht Selbstverstümmelung, wir haben alle Ressourcen, die wir nutzen aber nicht verschwenden sollten, und so weiter. (Voraussichtliches Erscheinungsdatum: 2. Januar 2018)

Ansonsten habe ich sogut wie gar nichts gelesen. Vor allem nicht die 34 WhatsApp Nachrichten und fünf E-Mails, die seit einer Weile auf mich warten. Ich werde jetzt auch wieder verschwinden und die ICF reinprügeln.. hoffe ich.

Wichtigster Twitter-Account der Welt: @WholesomeMeme.

* alle mit Sternchen markierten Links führen zu Amazon.

#23 ctrl+c, ctrl+v

Mein Zeugnis ist bombe.

Wenn die Ansprüche von Grundschülern erfüllt werden könnten, ist das vermutlich keine Leistung, auf der ich mich ausruhen sollte, aber so ganz tief im Inneren (im Dickdarm?) verspüre ich einen Funken Dankbarkeit, dass meine eher labile Psyche zumindest dieses Jahr entschieden hat, lieber in den ersten sechs Phasen des Burn-Outs rumzustochern als in den letzten.

Natürlich ändert sich das derzeit auch schon wieder rasant. (Beweisstück A wäre mein Schreibtisch. Oder mein Bett. Eigentlich alles in einem Radius von fünf Metern nahe meines Lagers.)

Wie dem auch sei. Bombiges Zeugnis:

 Englisch sehr gut
 Berufs-, Gesetzes- und Staatskunde sehr gut
 Krankheitslehre sehr gut
 Biologie, Anatomie, Physiologie sehr gut
 Psychologie, Pädagogik, Behindertenpädagogik sehr gut
 Medizinsoziologie, Gerontologie sehr gut
 Prävention und Rehabilitation sehr gut
 Fachsprache und Dokumentation sehr gut
 Grundlagen sehr gut
 Therapeutische Mittel sehr gut
 Therapeutische Verfahren sehr gut
 Adaptierende Verfahren sehr gut
  • 66 entschuldigte Fehlstunden (8,25 Tage)

Absolut lächerlich aber, weil es entweder schnöde Auswendiglernerei war (guckst du hier), oder die Ansprüche im Anforderungsbereich 3 denen der Unterstufe glichen.

Letzte Woche habe ich mich mit einem anderen Ehemaligen (des Gymnasiums, das ich besucht habe) unterhalten, der sich auch an unsere Schule verschwendet, und wir kamen zu dem Ergebnis, dass wir nur noch zwei SSTs* davon entfernt sind, unsere Namen zu klatschen oder Blumentänze an Kindergärten zu planen*².

Was sehr absolut klingt. Und nicht wahr ist. Aber es gibt so Momente..

An der Front hat sich gar nichts getan: Autoreparatur wird immer teurer, unsere Gartenlaube hat Schwarzschimmelbefall, und die Küche ist kurz davor, in sich zu verfallen. Bin ja dafür, dass mir erst einmal alle Deutschen je einen Euro geben. Alles, was nach zusätzlicher Jobcenter-Berechnung und Steuer übrig bleibt, spende ich sogar.

*Selbststudium. Heißt übersetzt, dass es Dozentenmangel gibt und wir billige Aufträge zu erledigen haben.

*² Als ich ihm berichtet habe, dass wir bereits an einer Grundschule mitplanen mussten, an einer Sekundarschule unseren Fachbereich vorstellen, und demnächst an einem Gymnasium die Schule bezüglich Berufsfindungstags vertreten sollen, hatte er fast einen Nervenzusammenbruch.